Seit einiger Zeit geht mir die Diskussion um die Psychopharmaka im Geiste herum, d.h. meine Gedanken bewegen sich oft um diese Problematik. Nun dazu meine folgenden Überlegungen:


Psychopharmaka haben meiner Meinung nach die Aufgabe von Bewegungshelfern (nicht zu verwechseln mit Bewegungsmeldern).


Ein Mensch, der sich nicht, nicht mehr oder noch nicht optimal bewegen kann benötigt Hilfe. Kann ich nicht richtig gehen, benötige ich eine Gehhilfe (Krückstock oder Prothese). Bewege ich mich zu schnell, brauche ich eine Gehbremse (Eisenkugel mit einer Stahlkette am Fuß). Das zu schnelle Bewegen kann verschiedene Ursachen haben. Entweder kann ich mich eben schneller bewegen, weil es mir gegeben ist, oder die Umgebung hat einen so großen Einfluß auf mich, daß ich immer schneller werde (z.B. Sturm, Orkan oder Flutwelle o.ä.). Man kann sich nun so verhalten, als ob das alles gegebene Zustände sind und man sich eben anpassen muß. Andererseits besteht die Möglichkeit, durch unterschiedliche Trainingsmaßnahmen diese Zustände selbst zu beherrschen. Also, mit dem Krückstock so laufen zu lernen, daß es genauso geht wie mit eigenen gesunden Füßen. Es ist und bleibt aber ein Krückstock. Bei der Eisenkugel hätte ich folgenden Vorschlag: Man vermindere im Laufe der Zeit das Gewicht der Kugel, bis Werte gegen Null erreicht sind, so daß man seine überschnelle Beweglichkeit selbst steuern kann. Die Kugel könnte dann wegbleiben. Ich bewege mich dann eben aus eigener Kraft angepaßt langsamer bzw. meine Energien sind bei einem Orkan oder einer Flutwelle so stark, daß ich nicht weggeschwemmt bzw. umgepustet werde.


Eine sehr negative Wirkung haben die Bewegungshelfer, wenn man durch sie verlernt, was man schon einmal konnte.


Diese Überlegungen kann ich nun auf die Psychopharmaka übertragen. Sie sind Bewegungshilfen für die Seele bzw. den Geist (ich denke, trennen kann man das nicht). In meinem Falle, da ich mich in der Krise eher zu schnell „bewege", müßte ich eine Eisenkugel tragen. Also müßte ich ein Medikament nehmen, was meine seelische Aktivität einschränkt. Auf die Dauer werden die Anlagen für diese Beweglichkeit aber durch solch eine Maßnahme zu Rudimenten und verkümmern. Besser wäre es, wenn ich diesen Zustand bzw. den Prozeß selbst oder mit Hilfe eines kompetenten Trainers (oder Therapeuten) steuern lerne.


Dazu passend habe ich folgende Geschichte gefunden:


"Die Parabel von den Krücken
Als ein Dorfvorsteher durch einen Unfall seine Beine nicht mehr gebrauchen konnte, lernte er, mit Krücken zu gehen. Allmählich war er imstande, sich sehr schnell fortzubewegen, sogar zu tanzen und kleine Pirouetten zu drehen, um seine Nachbarn zu unterhalten.
Dann hatte er die Idee, seinen Kindern den Gebrauch von Krücken beizubringen. Bald wurde es in dem Dorf zum Statussymbol, auf Krücken zu gehen, und binnen kurzem tat es jeder. In der vierten Generation konnte niemand mehr im Dorf ohne Krücken gehen. Die Dorfschule nahm in ihren Lehrplan „Krückenlaufen - Theorie und Praxis" auf, und die Handwerker im Dorf wurden berühmt für die Qualität der von ihnen hergestellten Krücken. Man sprach sogar davon, elektronische, batteriegetriebene Krücken zu entwickeln.
Eines Tages trat ein junger Mann vor den Ältestenrat des Dorfes und wollte wissen, warum jedermann mit Krücken zu gehen habe, während Gott doch den Menschen Beine zum Laufen gegeben habe. Die Dorfältesten waren belustigt, daß dieser Grünschnabel sich für klüger hielt als sie, und beschlossen daher, ihm eine Lektion zu erteilen. „Warum zeigst du uns nicht, wie man es macht?" fragten sie.
„Einverstanden", rief der junge Mann.
Eine Demonstration wurde für zehn Uhr am nächsten Sonntag auf dem Dorfplatz vereinbart. Alle waren anwesend, als der junge Mann mit seinen Krücken in die Mitte des Platzes humpelte. Als die Dorfuhr die volle Stunde schlug, stellte er sich aufrecht hin und ließ seine Krücken fallen. Stille breitete sich über der Versammlung aus, als er einen Schritt vorwärts tat - und platt aufs Gesicht fiel.
Damit wurde jedermann in seinem Glauben bestätigt, daß es völlig unmöglich war, ohne die Hilfe von Krücken zu gehen.
Aus « Wer bringt das Pferd zum fliegen ? »

von Anthony de Mello.


Mechanistisches Weltbild (welches ja wohl in der Gegenwart vorherrschend ist)


A)Läuft ein Fahrzeugmotor zu schnell, drosselt man die Energiezufuhr. Oder man nutzt die überschüssige Energie z. B. für die Beheizung des Fahrgastraumes oder für andere nützliche Zwecke.
B)Man könnte natürlich auch Zucker oder Wasser in den Treibstoff geben. Dann wird der Motor auch langsamer, bis er stehen bleibt. Eine andere Variante ist, Sand ins Getriebe zu schütten. Auch da wird der Motor immer langsamer bis er schließlich stehen bleibt. Manchmal kann man ihn dann aber nicht einmal mehr reparieren.


Die Methode B) wird im übertragen Sinne zur Regulierung der Energie bei psychischen Problemen eingesetzt, indem man dem menschlichen Organismus irgendwelche Chemikalien zuführt. Im schlimmsten Fall sind das die typischen oder atypischen Neuroleptika. Die Folgen für den Menschen sind ähnlich zu sehen wie bei dem Motor. Natürlich nur dann, wenn man das menschliche Wesen als ein Mechanikum versteht, was es natürlich nicht ist.


Eigentlich hat mich meine Krankheitsuneinsichtigkeit gerettet (die ja ein bekanntes Symptom meiner „Krankheit" ist). Ein mir persönlich bekannter Psychiater hat einmal geschrieben: „Es ist einfach nicht möglich, auch noch eine Einsicht in dieses Unfaßbare zu haben, das einen quält, ängstigt und existentiell bedroht. Diese sogenannte Krankheitsuneinsichtigkeit ist einer der großartigen Schutzmechanismen, die die Natur eingebaut hat, um uns nicht ganz verzweifeln zu lassen."