Die weißen und die schwarzen Angehörigen und

die weißen und schwarzen Psychiatrieerfahrenen

Früher hieß es: Die Mutter, der Vater, die Kernfamilie, der Ehemann/die Ehefrau ist Schuld an der Erkrankung des Sohnes/der Tochter/des(r) Partner(in). Ich stelle mir vor, daß diese Zuschreibung für engagierte Angehörige quälend gewesen sein muß oder noch ist, worauf sicher viele mit Schuldgefühlen und berechtigter Wut reagiert haben.

Heute heißt es eher: Die Angehörigen haben keine Schuld.

Diese Pauschalzuschreibung ist für mich, die ich aus einer problematischen Kernfamilie komme, wo körperliche Mißhandlungen tagtäglich stattfanden und eine angstprägende Wirkung hatten und anderen Psychiatrieerfahrenen, die ebenfalls aus katastrophalen Familienverhältnissen kommen, mehr als diskriminierend. So habe ich selbst im Lauf meiner mehrjährigen Kontakte mit der Psychiatrie dort immer wieder zu hören oder zu spüren bekommen, daß ich doch eine undankbare Tochter (und Patientin) sei.

Im Rahmen meiner über 20jährigen Psychiatrieerfahrungen habe ich nette Angehörige getroffen, die sich liebevoll um ihre Familienmitglieder bemühten.

Die Kehrseite habe ich leider auch kennengelernt und kenne sie auch aus eigener Erfahrung.

Die Angehörigen aus Familien, in denen Alkohol, Mißhandlung, sex. Mißbrauch stattfand, sind wohl eher seltener engagiert, und ich nehme an, kaum in Angehörigenorganisationen zu finden.

Einige Jahre habe ich im betreuten Wohnen gelebt. Dort habe ich vieles mitbekommen, Familienmitglieder, die die MitbewohnerInnen regelmäßig besuchten, den Kontakt hielten, aber auch das Gegenteil, wie z.B.: Eine Mitbewohnerin wurde zweimal im Jahr von ihrem Vater angerufen. Er fragte sie jedesmal: „Wie, - du lebst noch? Wie schade!" und legte wieder auf.

Was mich ärgert, ist der Unsinn der pauschalen Zuschreibungen hinsichtlich Krankheitsverursachung von Psychiatrie und Therapieschulen, GUT und BÖSE, SCHWARZ und WEISS. Bei allen höchst komplexen Krankheitsmodellen hört an diesem Punkt oft jegliche Differenzierung auf, Einfachheit wird hier groß geschrieben.

Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem SOWOHL als AUCH in allen Abstufungen und Varianten, - so wie das Leben halt ist und die Menschen sind, eben nicht so simpel und einseitig "gestrickt". Es ist wäre lebendiger, spannender und sicherlich viel informierender, wenn sich Angehörige und Psychiatrieerfahrene auf dieser Ebene austauschen würden. Vielleicht verschwinden dann langsam Pauschalurteile in Psychiatrie und Therapien, zugunsten einer neuen Pauschalzuschreibung, nämlich

daß jeder Mensch einzigartig ist.

Rosa im April 2002

Ergänzen möchte ich diesen Artikel noch mit diesem Link zu einem Aufsatz von Susanne Heim zu der gleichen Thematik.