Eine
Bemerkung eines Mitpatienten, es ginge ihm auf die Nerven,
dass ich immer weine und ihm damit den Aufenthalt in der Klinik
vermiese und die Kritik einer Therapeutin in einer Gruppensitzung
der Klinik, endlich mal über die angefallenen Probleme
zu reden (das war an alle Patienten gerichtet, nicht nur an
mich), geben mir den Rest. In einer Gruppe zu reden ist ansonsten
für mich kein Problem, zudem dies nicht die ersten Gruppensitzungen
meines Lebens sind. In Zeiten, wo es mir besser geht, machen
sie mir manchmal Spass. In einer für mich stabileren
Lebensphase kann ich mich gut infragestellen und mit Einwänden
umgehen; Fragen, Bestätigungen und Kritik, ähnlich
einem zugeworfenen Ball, auffangen, betrachten, entscheiden
ob ich ihn zurückwerfe oder annehme.
Das
gelingt mir seit vielen Monaten gar nicht mehr. Jeder Ball,
der mir zugespielt wird, trifft nicht nur, sondern dringt
tief in mich ein und entwickelt eine Eigenwirkung, die ich
nicht mehr fassen, benennen und kontrollieren kann. Von der
Rolle der Mitspielerin bin ich zum Tor verdinglicht. Ja, ich
bin tör-icht" geworden. In Reihenfolgen zu denken,
zu handeln und als Erwachsene meine einfachen täglichen
Angelegenheiten zu besorgen, bekomme ich trotz grösster
Anstrengung nicht mehr geregelt. Das macht mich verwirrt,
ratlos, und ich schäme mich und gebe mir viel Mühe,
dieses Anderen gegenüber zu verbergen. Meinen Kampf mich
zu halten, habe ich zunehmends verloren. Ich bin in mir brüchig
geworden. Die Umweltgeräusche quälen mich, es riecht
verbrannt. Die Welt ist in lautem Aufruhr und droht jeden
Moment zerschmettert zu werden, von der Menschheit, den Naturgewalten
auf und ausserhalb der Erde. Im Spiegel lacht mir mein Totenschädel
Entsetzen ins Gesicht. Im ehemaligen Jugoslawien wütet
ein Krieg, den ich auch hier erwarte. Nichts ist mehr sicher.
Ich erwarte, dass Bauwerke zusammenfallen und beim geringsten
Geräusch denke ich, jetzt ist es passiert, etwas stürzt
aus der Luft auf uns ein, wir alle werden jetzt sterben. Im
Gruppenraum sehe ich durch das gegenüberliegende Fenster
nach draussen in den wirbelnden Wolkenhimmel. der auf eine
entsetzliche Art seit Monaten eisige, grelle Farben brüllt.
Auch jetzt im beginnenden Frühling, ist mir eiskalt.
Auf
dieser Erlebensbasis ist die leicht grantige Bemerkung der
Therapeutin für mich katastrophal. Sie dringt durch meine
innerliche Aufzählung von Zahlenreihen, durch die ich
während der Gruppensitzung meine verzweifelt von mir
zusammengehaltene und hauchdünn gewordene Schutzhülle
verteidige, hinter der ich meine Unsicherheit und Ohnmacht
zu verbergen suche. Meine letzte mir verbliebene Struktur
und Grenzlinie zersplittert dadurch vollends ! Ich muss hier
weg! Ich bin erstarrt - vereist - Gefrierschock! Bloss hinter
meinem Gesicht bleiben. Verstecken, verstecken, verstecken!
Die Zeit ist rum. Gottseidank! Da ist die Tür, nur noch
raus hier! Verschwommen höre ich hinter mir die Stimmen
der Gruppenmitglieder, schnell durchs Treppenhaus. Meine Hand
krampft sich um den Lauf des Geländers. Der Boden zerinnt
unter meinen Füssen. Hilfe, nicht auch noch fallen. Nur
schnell in mein Zimmer!
Mit
grosser Anstrengung finde ich es und lege mich zitternd und
frierend auf's Bett. Ich sehe entsetzt auf meine Hände.
Sie sind rot und blutig. Muskeln, Sehnen und Knochen liegen
frei. Ich sehe an meinem Körper herunter, - das gleiche
wie an den Händen. Es gibt nur noch eine rohe Masse Fleisch,
ein entstelltes Monstrum. Ich habe keine Haut mehr.
Die
Wände und die Tür des Raums sind jetzt meine Ersatzhaut,
die mich notdürftig schützen muss. Ich fühle
meine Arme nicht mehr, die Beine sind taub geworden. Mein
Gesicht, mein Körper zerreissen mit körperlichen
Schmerzen. Trotz innerer Gegenwehr mich zusammenzuhalten zerlaufen
sie ins Zimmer. Gesichter von Freunden, Bekannten und Verwandten
schweben durch die Luft. Sie lachen mich an, verändern
sich und zerfliessen zu hasserfüllten Fratzen. Ich blicke
sie stumm an und höre mich selbst in meinen Ohren vor
Angst schreien. Sie bedeuten mir, dass ich mein Recht zu existieren
verloren habe. Kein Argument, dass ich dagegen halten kann.
Mein Dasein steht mir nicht zu, und das macht mich zu einem
Ungeheuer, das auf der Erde nichts zu suchen hat. Meine Verzweiflung
schraubt sich ins Uferlose.
Ich
habe schreckliche Angst, irgend jemand könnte hereinkommen.
Dieser Mensch beträte nicht nur das Zimmer, sondern stünde
direkt in meinen Körper und meiner Persönlichkeit.
Nicht nur deswegen habe ich Panik. Wegen meiner Anmassung
zu existieren, müsste er mich vernichten. Wenn mich jemand
berührt, passiert ihm auch Schreckliches. Was, das weiss
ich jedoch nicht. Wer ist in diesem Raum überhaupt noch
wo und wer? Wo bin ich noch? Wo fange ich an, wo höre
ich auf? Totales Chaos!
Den
Mitpatienten und die Therapeutin in der Gruppe hasse ich wegen
ihrer Bemerkungen, weil sie mich in diesen Zustand gebracht
haben. Ich glaube, dass ich den Mitpatienten erschlagen und
im Park der Klinik verscharrt habe. Ich habe Angst um mich
und die Anderen. Es wäre grauenvoll, wenn noch mehr passiert.
Das Personal hat uns gesagt, wir sollten den Klingelknopf
am Bett betätigen, wenn es uns nicht gutginge. Nein,
nein, das geht nicht, der Knopf ist rot. Nicht auf den Roten
Knopf drücken und den nächsten Krieg auslösen!
Der Anblick des Klingelknopfs verstärkt meinen Schrecken.
Hilfe ist absolut sinnlos, ist sie ja Hoffnung und Vernichtung
in einem.
Ich
will auch keine Medikamente, dass ist das einzige, was mir
in diesem Chaos noch klar ist. Mit Medikamenten habe ich keine
reelle Chance, dieses hier abzuschliessen, egal wie es ausgeht.
Nur keine Medikamente, ich will nicht wieder in allem steckenbleiben!
Lieber ein Ende mit Schrecken, als umgekehrt. Dass mir jemand
in dieser Verfassung Neuroleptika verpassen könnte, steigert
meine Ängste noch, dass ich schon deswegen keine Hilfe
suchen kann.
In
meiner Not fällt mir meine Therapeutin zu Hause ein.
Ich denke an ihre Worte, dass nichts passieren kann, wenn
ich mich während einer Krise hinlege. Mein Gefühl
sagt mir allerdings etwas anderes. Trotzdem beruhigt mich
diese Erinnerung ein ganz kleines bißchen. Sie hat mal
zu mir gesagt: Nur Sie allein wissen selbst am besten,
was Sie brauchen und was Ihnen guttut!" An diesem Satz klammere
ich mich fest und entscheide, dass ich solange in diesem Zimmer
bleibe, wie ich es für richtig erachte. Und wenn jemand
in dieser verdammten Klinik meint, das ginge nicht, dann fahre
ich nach Hause. Irgendwie werde ich auch das noch schaffen!
Das alles hier erlebe ich ja nicht zum 1. Mal. Der Gedanke,
dass ich in den letzten Jahren allein öfter aus diesen
Zuständen wieder herausgekommen bin, macht mich ein wenig
mutiger.
Ich
gebe mich ab und lasse den Wirbel sich gegenseitig ankurbelnder
Gefühle von Angst und gegenläufigem Hass zum Selbsterhalt
zu. Freunde, Bekannte, Verwandte, alle Personen, mit denen
ich noch eine Rechnung offen habe, tauchen auf. Ich erlebe
in einem rasenden Reigen wieder und wieder alle Begegnungen
und Gespräche der letzten eineinhalb Jahre. Eine Situation
reiht sich in einem irrwitzigen Tempo an die andere. Ich finde
erste Wurfbälle in mir, die ich nicht haben will. Ich
werde aggressiv und werfe sie an die imaginierten Personen
zurück. Verflucht nochmal, was habe ich wieder einkassiert,
was gar nicht zu mir gehört, und ich hab's nicht mehr
bemerken können! Das ist nicht mein Spiel! Ich werfe
immer mehr Bälle aus mir heraus. Der Zustand äussersten
Horrors lässt etwas nach.
Langsam
sehe ich viele aufgestaute Konfliktpunkte vor mir. Ich erlebe
eine unbändige Wut auf die, die meine Schwäche in
der Zeit, als ich mehrere Todesfälle zu verkraften hatte,
ausgenutzt haben für ihre ureigensten Pisskram-Bedürfnisse.
Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich die Situationen
nicht mehr richtig einschätzen konnte. Am schlimmsten
finde ich es jedoch, dass ich keine von mir verpasste Chance
oder Schuld finde, wie ich das hätte erkennen und vermeiden
können. Ich suche verzweifelt in mir nach Selbstschuld,
um damit das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit zu lindern.
Na ja, immerhin lerne ich jetzt mal den Nutzen der Schuldgefühle
kennen.
Schwieriger
ist es mit Mitpatienten, die mit ähnlichen Schwierigkeiten
zu tun haben wie ich selbst. Ich kann ihre Situation nachempfinden
und weiss, dass es ihnen auch nicht gut geht. Mal bin ich
auf ihrer Seite und verliere mich selbst durch Mitgefühl,
dann schwenke ich um, gewinne wieder mit meiner Wut gegen
sie an Substanz. Ich ringe mit meinen Gedankengestalten in
wilden Wechseln, mal bin ich oben, wenn ich sie verfluche
und abgrundtief hasse, mal unten, wenn ich sie wieder schütze
und verteidige.
Irgendwann
werden meine Phantasien milder. Mein Gehirn kreiert die erlebten
für mich chaotisch gelaufenen Situationen mit Anderen
in komische und groteske Sketche um. Aus hochgradigem Frust
wird Spass. - Hi, hi, totaler Lachflash. Ich sollte einige
dieser Geschichten mal irgendwann zu Papier bringen, geht
mir kurz durch den Kopf. Ich kichere und lache mich weg über
die Ausgeburten meines eigenen Kopfes, deren Bedeutung mir
aber nicht wirklich klar wird. Ich finde sie einfach amüsant
und witzig. Trotzdem - ich fühle mich klarer und ruhiger.
Anscheinend hat der Lach- und Kichertripp meine Stimmung verbessert.
Ich stelle fest, dass die Fratzen weg sind.
Nun
durchlebe ich nochmal die Gespräche der letzten Tage,
mit Therapeuten, Pflegepersonal und Mitpatientinnen. Auch
hier nehme ich aus mir die widerrechtlich eingedrungenen Wurfgeschosse
heraus, betrachte und bewerte sie jetzt zum ersten Mal - eines
nach dem anderen. Ich nehme an, was ich behalten möchte
und gebe die Spielbälle zurück, von denen ich meine,
dass sie bei mir nicht richtig sind. Nach und nach wird vieles
geordneter für mich. Ich mache Pläne, wie ich mit
den Leuten hier in der Klinik umgehen will. Wem will ich trauen,
wem will ich misstrauen und denke mir soziale Umgangsstrategien
für die nächsten Tage aus.
Ein
schallendes Lachen steigt in mir hoch, weil ich mich wieder
an meine Therapeutin an meinem Wohnort erinnere, wie Sie mich
freundlich fragt: Na, wie haben Sie denn das wieder
gezaubert?" Ich betrachte mich. Meine Hände und mein
Körper sind wieder, wenn auch von einer hauchdünnen
Haut eingehüllt, meine eigenen Konturen für mich
wahrnehmbarer. Ich lache vor lauter Erleichterung und Erlösung.
Nein, das mit dem Zaubern geht Gottseidank nicht, ich habe
meinen Mitpatienten also auch nicht ins Jenseits gehext.
Nach
dem Lachanfall kehrt die Trauer zurück. Ich muss erneut
um den Tod meiner drei Freundinnen, eines Freundes und auch
den meines Vaters weinen (auch wenn ich mich vor Jahren von
der Familie getrennt habe). Der Schmerz über die Verluste
- das alles ist in den letzten 1 1/2 Jahren passiert - zehrt
an mir. Aber es ist das klarste, was ich in diesen Zeiten
empfinden kann.
Ich
will jetzt unter Menschen, bin jedoch noch arg wacklig, und
es bedarf nur einer Kleinigkeit, um wieder auseinanderzufallen.
Ich nehme mir ein wenig Stolz aus dem Gedanken, alleine durch
diesen Horrortripp gegangen zu sein. Das gibt mir ein Stückchen
verlorenes Selbstvertrauen zurück, was auch bitter nötig
ist. Gleichwohl bin ich innerlich und körperlich unsicher
auf den Beinen. So trete ich aus meiner Schutzhaut, dem Zimmer,
meinen Bunker der letzten Tage, um mich zu den übrigen
Patienten zu setzen, noch stark aufgewühlt, weil ich
mir doch noch nicht so ganz 100%ig glauben kann, für
meine Umwelt keine Bedrohung zu sein.
Die
Station wirkt wie immer. Eine Patientin kommt auf mich zu,
legt ihre Hand ganz vorsichtig und behutsam auf meinen Arm
und flüstert mir leise zu: Schön, dass Du
wieder da bist! " Ich sehe sie an und lese in ihrem Gesicht,
dass sie es ehrlich meint. Meine Unsicherheit nimmt ab, die
Reste meiner Angst und meines Zorns lösen sich vorerst
in Nichts auf, und über meiner ersten neuen Hautschicht
beginnt eine weitere zu wachsen.
Nachwort
Zu
diesen Text sei noch erwähnt, dass schon grösstenteils
meine Verarbeitung in die Beschreibung dieses Ereignisses
eingeflossen ist. Zum aktuellen Zeitpunkt des Geschehens war
mir der Symbolcharakter oder die Bedeutung aller hier geschilderten
Wahrnehmungen völlig unerklärlich. Beim Schreiben
des Textes war es mir nicht möglich, meine späteren
Erkenntnisse völlig herauszufiltern. Dieser Einbruch
und ähnliche andere innerhalb eines psychotischen Schubes
(der insgesamt viel länger andauert) habe ich des öfteren
erfahren. Im günstigsten Fall verliefen sie in dieser
Intensität nur wenige Stunden, manchmal aber auch viele
Tage/Wochen, wobei ich selbst den Ablauf zeitraffermässig
verkürzt erlebte. Ein genaues Zeitschema kann ich dem
Verlauf nachträglich nicht geben, jedoch ist die Reihenfolge
des Erlebens ziemlich richtig. Nach dieser mehrtägigen
Auszeit in meinem Zimmer war ich erstmals während dieses
Klinikaufenthaltes in der Lage, unter Inanspruchnahme der
beschriebenen Hilfsstrukturen den Gruppensitzungen halbwegs
zu folgen, eine Erfahrung, die ich in früheren Jahren
unter einer Medikation mit Neuroleptika nicht gemacht habe,
weil mir durch intellektuelle Leistungseinbußen aufgrund
der Medikation meine Umwelt unverständlich blieb.
Nicht
alle Störungen waren nach der Auszeit" in meinem
Zimmer verschwunden. Viele Konflikte, die während der
Krisenzeit für mich nicht erkennbar waren, spulten sich
noch über ein Jahr hinweg während langer Waldwanderungen
und Radtouren in meine Gedanken. Ich habe sie auf ähnliche
Weise wie im Text innerlich durchgewütet", jedoch
auf weniger heftige Art und Weise. So erhielten die zurückliegenden
Ereignisse Bedeutung und Einordnungsmöglichkeit. In meinen
Beziehungen zu Hause musste ich vieles klären. Manches
zwischenmenschliche Verhältnis wurde mir gekündigt,
weil ich wieder in der Lage war, Mein und Dein" besser
zu erkennen und ich als Projektionsfläche" - als
Sündenbock für fremde Probleme - nicht mehr zur
Verfügung stand.
Meine
alte Belastbarkeit konnte ich nicht wiedergewinnen, und das
Problem alltägliche Dinge zu ordnen, fällt mir heute
noch schwer. Viele alltägliche Verrichtungen musste ich
durch dauerndes Üben zurückerlernen, da ich die
Fähigkeit automatische Handlungsabläufe zu verrichten
fast vollständig eingebüßt hatte.
Ich
habe wie viele andere Mitbetoffene Erfahrungen mit Neuroleptika
gemacht. Ich habe von diesen Medikamenten nie profitieren
können. Zu den schon vorhandenen Problemen kam dazu,
dass ich durch sie dumpf, dickleibig und antriebsarm wurde.
Durch die intellektuelle Leistungseinbuße - eine nicht
selten auftretende (Neben")Wirkung der Medikamente -,
habe ich Fehler am Arbeitsplatz aber auch im Privatleben gemacht.
Eine Psychotherapie und notwendige Problemlösungen waren
mir damit nicht möglich. Meine soziale Situation hat
sich während der 3 1/2 jährigen Medikation mit Neuroleptika
sehr verschlechtert. Im bin schnell von einem selbständigen
Leben in der eigenen Wohnung in die Abhängigkeit einer
betreuten Wohngemeinschaft gerutscht.
Nach
Absetzen der Medikamente* und einer Psychotherapie hatte ich
nach weniger als einem Jahr wieder eine eigene Wohnung.
Ich
bin den ärztlichen MitarbeiterInnen der Kliniken, in
denen ich in späteren Zeiten war, mehr als dankbar, die
bei mir von einer weiteren Medikation mit Neuroleptika abgesehen
haben.
Rosa
Pillenknick (Pseudonym) im September 2001
*)
entgegen dem Willen des mich damals behandelnden Psychiaters
und der Mitarbeiterin der Betreuungsorganisation