"Wenn man solche Bilder malt, muss man ja verrückt werden!"

Diesen Text habe ich verfasst, für alle die malen und im Rahmen ihrer Erkrankung von Freunden, Angehörigen oder Mitarbeiterinnen der Psychoszene einen ähnlichen Satz zu hören bekommen haben.

Solche oder ähnliche Sprüche haben mich früher sehr verunsichert,

wo doch gerade das Malen (auch das kreative Schreiben) mein Selbstgefühl in allen Fremdbestimmtheitserlebnissen eher wieder gestärkt hat. Hätte ich auf diese mahnenden Stimmen gehört, so würde ich heute nicht mehr malen, hätte nie Bilder ausgestellt.

Schon als Kind konnte ich keinem Stift, keinem Pinsel, keinem Malgrund widerstehen. So mussten selbstverständlich zuerst mal die Tapeten dran glauben. Nachdem mir das abgewöhnt war, habe ich die Innenseiten der Bücher im Bücherschrank umgestaltet. Da ich die Einzige war, die in meiner Familie viel las, fiel dies dann nicht so sehr auf. Die alten Bücher mit dem ersten Gekritzel gibt es wohl immer noch.

Ich habe immer das aufs Papier zu bringen versucht, was mich beschäftigt hat. Das ist auch noch heute so.

Wie oft habe ich während meiner ersten Psychose gehört (von PsychiaterInnen und auch von besorgten Bekannten), dass meine Bilder, die ich gemalt habe nicht gut für mich wären.

"Wenn man solche Bilder malt, dann muss man ja verrückt werden!" Viele hielten die Bilder für "psychotisch", vermutlich wegen meiner Diagnose. Ich halte diese Behauptung für baren Unsinn. Kein Mensch wäre zur gleichen Zeit auf die Idee gekommen, dass wegen meiner Diagnose die Geschäftsbriefe, die ich während dieser Zeit geschrieben habe, "psychotisch" sind.

Tatsächlich war es so, dass ich in den Bildern nicht nur Dampf ablassen konnte (ich war während meiner Psychosen nie gewalttätig), sondern das Malen selbst hat mir ja Handlungsdisziplin abverlangt. Ungeachtet der Bildinhalte, die in manchen Zeiten durchaus heftig ausgefallen sind, beim Vorgang des Malens musste ich doch immer überlegen, welche Farben nehme ich, welches Material will ich benutzen, wie male ich ein Gesicht, wie einen Körper, wie einen Arm, eine Hand oder Beine und Füsse, oder wie hoch oder tief setze ich die Horizontlinie einer Landschaft und wie gestalte ich sie. Das Malen des Bildes selbst, die Handlung - das waren in allem sonstigen Chaos meine klarsten und durchaus zielgerichteten Momente. Es war eine Tätigkeit mit einem Anfang, einer Mitte und einem Abschluß, was man von meiner damaligen Berufstätigkeit z. B. nicht behaupten konnte. Dort hatte ich als Verwaltungsangestellte ein hohes Stressniveau zu bewältigen, wo ich von einem Vorgang zum anderen gedanklich und handlungsmässig hin und her springen musste.

Aber das Bildermalen, so meinten einige Leute, die in der Psychiatrie beschäftigt waren, wäre zu aufregend für mich.

Es gab aber auch andere Meinungen. TherapeutInnen (auch ärztlich psychiatrische) haben in späteren Jahren das Malen sehr begrüßt

und mich dazu ermutigt, es weiterzumachen und auszubauen. Meine Bilder haben sich im Laufe der Jahre verändert, die Technik konnte ich verbessern, eine eigene Art finden. Mittlerweile habe ich Bilder mehrmals ausgestellt. Es ist Entwicklung drin. Und das alles, wo doch vor 15 Jahren während meiner 1. Behandlung mir das alle ausreden wollten. War ja nicht gut für mich!!! Lieber Zwangsmedikation bis das Malen dann nicht mehr ging. Beruf und Arbeiten und auch das ganz übliche Privatleben dadurch aber auch nicht mehr. Diese 3 1/2 Jahre neuroleptisch verordneter Stumpfsinn waren eine der schrecklichsten Zeiten meines Lebens. Geholfen hat´s mir nicht, die Medikamente haben mir das Leben noch schwerer gemacht.

Eine nette Ärztin in einer BfA-Reha-Klinik hat die Medis abgesetzt, zwei Monate später konnte ich endlich überhaupt wieder etwas denken und bald wieder malen.

Meine persönliche Erfahrung ist (es ist mir jahrelang tagtäglich ja so gegangen), dass die Tätigkeit als Verwaltungsangestellte - verbunden mit massivem Telefonstress - viel zur Entwicklung meiner Psychose beigetragen hat. Wenn man des Nachts wachliegt, nicht schlafen kann und überlegt, wie der Schreibtisch leerer gearbeitet werden kann und wichtige Termine nicht platzen, der Kopf ohnehin durch Berufliches so überreizt ist, um überhaupt noch einschlafen zu können, dann war das Malen für mich in dieser Zeit eher die letzte psychische Regulierungsmöglichkeit.

Wie schon gesagt: Es gab Leute, die fanden meine Bilder psychotisch und sagten:" Sie machen mir Angst." Ist doch nicht das Problem des/der Malenden, wenn die anderen ihre eigenen Ängste darin finden. Nennt man doch eigentlich Projektion - oder? Tja, magisches Denken ist eben kein psychotisches Privileg. Das können die meisten Menschen ganz gut und auch viele in der Psychiatrie Tätige beherrschen es oft exzellent.

Ein weitläufiger Bekannter von mir, gelegentlich psychotisch, zeichnet Heavy-Metal-Comics. Seit einiger Zeit nicht mehr. Er steht unter einer hohen Dosis von Medikamenten und soll nicht mehr so finstere Sachen zeichnen. Schade, in dieser sogenannten Finsternis drückt sich soviel seelische Kraft aus. Und wenn mal ein/e MitarbeiterIn der Psychoszene einen Vergleich mit anderen berühmten Comiczeichnern wagen würde, so sind seine Comics dagegen eher sanft. Jetzt sehe ich ihn gelegentlich auf einer Parkbank sitzen, in der einen Hand die Bierdose in der anderen die Zigarettenkippe und ins Nichts starrend. Erstaunlich für mich, dass es Leute gibt, die das besser finden.

Zum Abschluss noch ein kleiner Rat für alle Mitbetroffenen, die malen: Wenn mich früher ein Bild, was ich fertiggestellt habe, zu sehr während einer psychotischen Zeit bewegt hat, dann habe ich es einfach in eine Mappe gelegt und wieder herausgeholt, wenn mir selbst danach war.

Allen, die gern malen (oder auch schreiben oder sonst wie kreativ sind), noch viel viel Spass an der eigenen Art, als einem Bereich echter Freiheit.

Rosa Pillenknick