ENTFREMDUNG - SELBSTORGANISATION - STÖRUNGEN - KAUM AUSZUHALTEN - DICKES LOB


Vortrag am 09.07.2003 beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) Köln

von Karl-Heinz Pehe

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich beim LVR für die Einladung.


Bei einer Tagung des Wuppertalinstituts führte sich Ivan Illich, der als Historiker eingeladen war, um die Naturwissenschaftler mit einer anderen Sicht des Tagungsthemas zu konfrontieren (es ging um Grenzen in der globalen Entwicklung) mit den Worten ein:


"Sie haben sich einen Geisteswissenschaftler als Paradiesvogel eingeladen. Ich werde kein schönes Liedchen zwitschern, ich bin gekommen, um zu krächzen."(sinngemäß zitiert)


Er wollte also ein bisschen stören. Das will ich als geladener Betroffenenvertreter hier auch tun, ich werde also ein bisschen krächzen, aber auch ein bisschen zwitschern. Schließlich will ich Sie ja auch nicht ver-stören.

Zum Thema der Tagung will ich gleich vorweg sagen, dass ich die Konstruktion des SPZ, die ja letztlich ein Kind der ersten Psychiatrieenquete ist, nach wie vor für aktuell halte. Der integrative Ansatz ist richtig, und wenn er nicht überall und zur Zufriedenheit eingelöst werden konnte, so suche ich die Fehler eher in der Personalpolitik: Wer erfolgreich arbeitende SPZ will, muss dafür sorgen, dass dort Menschen die Verantwortung tragen, die hinter diesem Konzept stehen und engagiert an seiner Realisierung arbeiten. Kurzgefasst: Menschen sind letztendlich wichtiger als Konzepte.


Ich möchte etwas zur Perspektive sagen, aus der ich das Thema angehe. Ich gehöre nicht zu den Betroffenen, die (so konnte ich es dem Berichtsheft der letzten Jahrestagung entnehmen) als Hauptzielgruppe von den SPZ angesprochen werden sollen. Gemeint sind Menschen, deren Geschichte einen chronischen Verlauf erwarten lässt und die einen vergleichsweise hohen Hilfebedarf (zu) haben (scheinen). Ich habe nach meinem Klinikaufenthalt und unbefriedigenden Erfahrungen im örtlichen SPZ bald vor allen institutionellen Hilfsangeboten das Weite gesucht. Rückblickend kann ich sagen, dass das für mich gut und richtig war. Ich bin also eigene Wege gegangen. Trotzdem oder auch gerade deshalb bin ich überzeugt davon, dass meine Erfahrungen mit psychosozialen Hilfssystemen für ihre Arbeit mit "chronisch Erkrankten" von großem Wert sein können. Dazu später mehr.


Ich möchte sie nun mitnehmen auf eine kleine Reise, auf der sie mit mir 5 Stationen aufsuchen werden, an denen wir innehalten und über einige Dinge nachdenken. Die Stationen habe ich in der Überschrift genannt, so dass unsere Reise sofort beginnen kann.


ENTFREMDUNG könnte die Krankheit heißen.

Ein Mensch, der in eine seelische Krise gerät, erscheint seinen Mitmenschen fremd. Auch sich selbst wird er fremd. Das irritiert (innen wie außen), verunsichert, kann Angst machen und - je nachdem - auch euphorische Gefühle auslösen. Das kann sich zuspitzen und in die Psychiatrie führen. Wenn ich das Geschehen so beschreibe, kommt es darauf an, dass sich der Mensch neu findet, und auch die Umgebung mit dem Fremden und Neuen umzugehen lernt.

Meine Erfahrungen in der Psychiatrie waren aber von anderer Art:

Das in den Kliniken dominierende medizinische Krankheitskonzept seelischer Störungen hat mich zusätzlich belastet, weil es die in der Krise erlebte Entfremdung von mir selbst und der Welt weiter vertieft hat.


Die Psychiatrie war für mich eine fremde Welt, ich fühlte mich als Person unverstanden. Für mich erkennbares Behandlungsziel: Krankheitseinsicht und die Bereitschaft zur regelmäßigen Einnahme von Neuroleptika. Zeitweise habe ich mich gefühlt wie die Ratte in der Skinner-Box: War ich brav (compliant) gab es Streicheleinheiten, äußerte ich Widerspruch, gab es Druck. Ich erlebte Entfremdung pur, hatte das Gefühl, gegen Wände zu laufen. Es war Dorothea Buck, die mir einfache klare Worte gab, das Erlebte zu verstehen: Es ist das Medizinische Krankheitskonzept, das sich als ideologisches Gerüst zwischen Arzt und Patient schiebt und ein tieferes Verständnis des psychotischen Menschen verhindert. Nach diesem Verständnis sind die ungewöhnlichen seelischen Erfahrungen in erster Linie Folge eines gestörten Neuronenstoffwechsels, der z.T. erblich disponiert ist. Notgedrungen musste ich mich selbst auf die Suche machen, um bessere Lösungen für mich zu finden, in denen meine Persönlichkeit wieder vorkam und ich selbst die Initiative zur Verbesserung meiner Lage übernehmen konnte.


Nach Dorothea Buck ist die Psychose eine Art Aufbruch zu neuen Ufern, der entsprechend begleitet, durchaus gelingen kann, auch wenn es meist mehrere Anläufe braucht. Dorothea Buck hat eine vollständige Heilung von der Schizophrenie erlebt und sie in ihrer beeindruckenden Biografie beschrieben. Sie ist heute 86 Jahre alt und eine geschätzte Partnerin des Reformpsychiaters Klaus Dörner, mit dem sie gemeinsam viele Reformvorhaben angestoßen und realisiert hat. Auch Thomas Bock aus Hamburg würde ich dieser Schule zuordnen, die ein anthropologisches Verständnis der Psychose vertritt. Mit einer solchen Psychiatrie könnte ich mich anfreunden. Der autodidaktische Weg der Dorothea Buck zeigte mir die Leistungsfähigkeit der Selbstorganisation auf, der nächsten Station unserer kleinen Reise.


SELBSTORGANISATION hilft wirklich weiter

Ich muss erklären, was ich mit diesem Begriff meine. Ich verstehe ihn zunächst als rein naturwissenschaftlichen Begriff, der im Zusammenhang mit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos eingeführt wurde. Zu einem guten Vortrag eines Physiklehrers gehört ein kleines Experiment, und wenn am Schluss meines Vortrages noch ein bisschen Zeit ist, werde ich Ihnen eines vorführen, in dem Selbstorganisation zeigt, was sie kann. Das bei naturwissenschaftlichen Phänomenen entwickelte neue Begriffssystem eignet sich aber auch hervorragend, um den Zerfall einer Ordnung vor einer Psychose zu beschreiben und die Versuche unseres Organismus/unserer Seele, in der Psychose und danach eine neue tragfähige Ordnung aufzubauen (Quelle: Ilya Prigogine-Isabel Stengers, Dialog mit der Natur, Serie Piper). Es zerfällt eine alte Ordnung und nach einigem Probieren kann eine neue attraktive Ordnung im Seelenleben eines Menschen entstehen, wenn geeignete Rahmenbedingungen vorliegen bzw. geschaffen werden und man die Zeit als Freund gewinnt. So war es jedenfalls bei mir, wenn ich meine Entwicklung in der Rückschau betrachte. Nun zurück zu den Rahmenbedingungen in den fremden Welten, denen ich in und nach meiner Krise begegnet bin (das örtliche SPZ gehörte dazu).

Meine Bilanz dieser Erfahrungen:
Die für meine Genesung nötigen Strukturen musste ich mir in mühevoller Arbeit selbst schaffen.
Möglich war das nur außerhalb der vorgefundenen Institutionen.


Bis heute frage ich mich, warum man mich in der Klinik nicht auf Dorothea Buck oder vergleichbare Menschen und Geschichten aufmerksam machte. Auch die von mir inzwischen hochgeschätzten Pychoseseminare musste ich selber finden/gründen. Suchbewegungen in dieser Richtung wurden von Fachleuten lange nicht ernstgenommen und mein Wunsch, wieder ganz gesund zu werden, als illusionär verworfen. Leben auf kleiner Flamme, Dauermedikation, das war das, was man mir als realistische Perspektive vermitteln wollte. Versuche, das zu hinterfragen, brachten soviel Stress ein (auch im kliniknah aufgebauten SPZ), dass ich mich dort schließlich herauszog. Da war sie wieder diese unendliche Fremdheit, der ich schon in der Klinik begegnet war. Von außen betrachtet war selbstverständlich ich das Problem, war ich die als lästig erlebte Störung. Und von Störungen soll auch in der nächsten Station unserer kleinen Reise die Rede sein.


STÖRUNGEN

Ich habe also - wie viele von uns es tun - gestört. Dass Störungen manchmal sein müssen, ist eigentlich nicht strittig, aber wer entscheidet, wann "manchmal" ist?

Jeder von Ihnen wird das kennen, wenn er auf der Arbeit schwierige Mitarbeiter - oder schlimmer - einen schwierigen Vorgesetzten hat. Da muss man einfach stören oder kündigen. Sonst kann man daran krank werden. Als "Psycho" hat man aber ganz schlechte Karten auf der Hand beim Stören.


Mein Stören wurde oft als pathologisch wahrgenommen. Man müsste also von Falsch-nehmung sprechen anstatt von Wahrnehmung. Aus 12Jahren Selbsthilfeengagement ergibt sich deshalb eine ernüchternde Bilanz, die mit den Sonntagsreden über Selbsthilfeförderung so gar nicht kompatibel ist:


Selbsthilfe, wie ich sie verstehe, wurde oft
bestenfalls geduldet,
selten aktiv unterstützt,
manchmal sogar regelrecht bekämpft.


Fairerweise muss ich zugeben, dass das nicht die ganze Wahrheit und auch - was meine Person betrifft - nicht mehr ganz aktuell ist. Ich erfahre inzwischen von Angehörigen und Fachlichen jeglicher Profession durchaus eine gewisse Unterstützung. In Krefeld war es die PSAG und insbesondere der SKM-Krefeld, der meinen Glauben an die Reformfähigkeit psychosozialer Einrichtungen am Leben erhalten hat. Wer Selbsthilfe wahrhaft unterstützen will, sollte wissen, welches Spießrutenlaufen da gelegentlich zu bestehen ist. "Gründet doch eine Selbsthilfegruppe", das ist leicht gesagt.


Das Positive an der Sache: Diejenigen, die Störungen in ihren Institutionen aushalten und dabei einen klaren Kopf bewahren, werden manchmal reich belohnt, wenn sie z.B. Erleben, dass die Störer eine interessante Entwicklung durchmachen, die man zunächst für völlig unmöglich hielt. Und die Institution entwickelt sich mit ihnen. Wer das kennt, kann mich vielleicht in der Feststellung bestätigen: Es sind die Störungen, die Institutionen lebendig und damit überhaupt erträglich erhalten machen. Die Kinder dieser "Störungsfreundlichkeit" heißen Innovation, Entwicklung, Veränderung. Damit sind wir bei der nächsten Station unserer Reise angekommen, bei dem, was kaum auszuhalten ist. In diesem Falle wechsle ich die Perspektive, und lasse eine Besucherin zur Atmosphäre in einem SPZ zu Wort kommen:


KAUM AUSZUHALTEN

"Ein gesunder Mensch kann es da nicht lange aushalten!"


Gemeint ist eine Atmosphäre der Gängelung. Betroffenen wird wenig zugetraut und schon gar nicht, dass sie wissen oder selbst herausfinden können, was gut für sie ist. Aber wie soll jemand das herausfinden, wenn er wenig Spielraum für eigene Initiative hat, z.B. beim Werken genau vorgeschrieben wird, was zu tun ist, wenn man ihm den ganzen Tag "strukturiert"? Ein Betroffener fragt, ob er in der Holzwerkstatt auch was Eigenes machen könne. Geht leider nicht, weil doch bestimmte Werkstücke zum Verkauf hergestellt werden müssen. Eine andere Betroffene hat ein schönes Mobile angefangen, das aus von oben nach unten farblich abgestuften Holzteilen in den Regenbogenfarben besteht. Sie hat die Farbgebung umgekehrt. Sie muss die angefangenen Teile mühsam wieder abschleifen. Alles muss schön ordentlich und vor allem richtig (?) sein. Wer solche Rituale ein paar mal über sich hat ergehen lassen, hält den Mund, bleibt weg, wenn er die Kraft hat oder sitzt resigniert und antriebsarm in der Ecke, wenn ihm die Kraft fehlt, den Absprung zu schaffen.

Die oft als bedrückend beklagte Atmosphäre ist also manchmal (wenigstens teilweise) hausgemacht. Menschen, die ein bisschen Leben und Schwung da rein bringen könnten, bleiben weg. Übrig bleiben die, die keine Wahl zu haben glauben. Die Mitarbeiter in einer solchen Einrichtung leiden im übrigen kaum weniger darunter. Gesund ist das für sie auch nicht.
Aber man kann das vielleicht ändern, wenn man eine andere Einstellung zur Eigeninitiative und zum Widerspruchsgeist von Besuchern gewinnt und sich mal etwas ausführlicher mit den Vorzügen der Selbstorganisation beschäftigt.

Laden Sie gesunde/gesundete Leute ein. Sie sind eine Ermunterung für die, die ansonsten resignieren, Hoffnungsträger in der fremden Welt. Man hat Angst um sie, dass sie sich übernehmen, aber man braucht sie, unbedingt. Lebensrettend kann das sein, wenn jemand nicht mehr daran glaubt, dass es noch mal besser werden kann. Ganz ohne Spannungen geht das natürlich nicht ab, aber eine gesunder Spannungspegel tut unseren Einrichtungen gut.

Werben Sie um die Selbsthilfegruppen, geben Sie ihnen die Heimat und die Rückendeckung, die sie brauchen, um sich gut entwickeln zu können.

Organisieren Sie kulturelle Abende, die auch für Gäste interessant sind (Musik, Filme, Vorträge und Gespräche mit interessanten Leuten). Das verändert die Stimmung. Alle Beteiligten profitieren davon.

Überprüfen Sie ihre Angebote auch daraufhin, ob sie die Besucher nicht zu sehr und immer wieder in der Betroffenenrolle ansprechen, statt allgemein als Menschen mit Themen, die auch andere Menschen interessieren könnten. Solche Angebote mache ich z.B. regelmäßig auf den Tagungen des BPE, wo sie sehr gut angenommen werden.

In meiner Selbsthilfegruppe, an der nicht zuletzt deshalb auch Menschen ohne Psychiatrieerfahrung teilnehmen, ist das schon lange selbstverständlich. Als Beispiele einige Themen meiner AGs auf BPE Jahrestagungen:


"Freiheit, die ich meine - die Kunst der Selbstbeschränkung"
"Weltbilder- Bilderwelten" - Wie formt sich der Mensch ein Welt-/Selbstbild?
Moderne Zeiten - von einem anderen Umgang mit der Zeit
Auf der nächsten Jahrestagung ist die Selbstorganisation Thema.


Ich will meine kleine Reise mit Ihnen nicht beenden, ohne mich nach den vielen kritischen Bemerkungen (ich habe versprochen zu krächzen), bei all denen zu bedanken, über die Besucher so urteilen wie über den Leiter eines SPZ (s.u.).

Wenn bei mir die kritischen Anmerkungen überwogen haben und der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich die SPZ ablehne, so ist dieser Eindruck falsch. Erstens habe ich auch viele positive Rückmeldungen gehört, zweitens habe ich gar nicht den Überblick über alle SPZ in der Region, um die es hier geht, und drittens haben Betroffene natürlich verschiedene Bedürfnisse, so dass manche damit zufrieden sind, was andere stört. Ich zweifle also nicht daran, dass es viele gut geführte Einrichtungen gibt. Einige kenne ich selbst, viele nicht. Und auch in schlecht geführten Einrichtungen gibt es Mitarbeiter, deren Engagement ehrenhaft ist und gewürdigt werden sollte. Für sie alle gibt es ein


DICKES LOB einer Besucherin über einen SPZ-Leiter:
Bei ihm fand ich immer ein offenes Ohr.
Selbst den „abgerissensten Gestalten"
begegnete er immer mit Respekt.


Vielleicht ist ja diese Haltung entscheidend und trägt zu der guten Atmosphäre bei, die wir uns alle wünschen


- die Besucher, damit sie gerne zu Ihnen kommen und
- die Mitarbeiter, damit sie ihre Arbeit gerne tun,
- Gäste, weil sie bei ihnen interessante, wenn auch manchmal etwas ungewöhnliche Menschen treffen können.


Zum Schluss das versprochene Experiment zur Selbstorganisation, das ich mal mit Margarinebäumchenphilosophie
überschreiben will. Sie können es zu Hause selbst durchführen und dabei die interessante Erfahrung machen, dass eine attraktive Ordnung auch ohne zentralen Organisator, ohne genetischen Plan entstehen kann.

Ins Leben übertragen: Es geht auch ohne Chefgehabe, ohne Gängelei und Fremdbestimmung. Die Natur macht es uns vor. Lernen wir von ihr.
Ich habe das Experiment erstmals in einem Vortrag von Prof. Peitgen aus Bremen erlebt. Da bildet sich ein kleines "Margarinebäumchen" (Abb. oben auf der Seite), das Anlass zum Überdenken unserer Vorstellungen von Ordnung und Chaos sein kann. Prof. Peitgen ist Mathematiker und Chaosforscher mit philosophischen und künstlerischen Neigungen und kann ihnen weitere Einblicke in das interessante Phänomen der Selbstorganisation geben.


Anleitung: Messerspitze Margarine zwischen zwei Overheadfolien oder Glasscheiben zerquetschen, so dass sich die Margarine zwischen den Folien breit und dünn verteilt. Dann reißen sie die Folien/Glasscheiben einfach auseinander. Fertig ist eine attraktive Ordnung ohne Chef. Mit dem Overheadprojektor an die Wand projeziert macht es sich besonders schön. Probieren Sie es aus!


Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. (Foto von dem Experiment siehe oben auf der Seite.)


Zum Autor:
Der Autor ist Lehrer für Biologie und Physik an einem Krefelder Gymnasium, führt seit 12 Jahren eine SHG mit dem Namen "Mut zum Anderssein", ist stellvertretender Vors. der Gruppe Erwachsenenpsychiatrie der PSAG Krefeld und Mitglied des BPE