Grundsätzliche Kritik am Soziotherapiegesetz


von Kalle Pehe, Krefeld


Das noch recht neue Gesetz zur Soziotherapie ist für viele Betroffene, die sich in Verbänden zusammengeschlossen haben, eine große Enttäuschung. Einige sprechen auch von Etikettenschwindel. Ich wurde durch einen Bericht im Lichtblick-Newsletter darauf aufmerksam und will erläutern, warum das so ist.


Viele von uns wünschen sich eine Aufwertung der psychosozialen Aspekte u.a. in der Diskussion um die Ursachen seelischer Störungen und bei der Festlegung geeigneter Therapien. In der wissenschaftlichen Diskussion werden dagegen zunehmend biologische Faktoren in den Vordergrund gerückt und daraus die Notwendigkeit einer (Dauer-)Behandlung mit Neuroleptika abgeleitet. In diesem Verständnis kommt es dann vor allem darauf an, dass Patienten regelmäßig Neuroleptika einnehmen, was über die nun gesetzlich definierte Soziotherapie sichergestellt werden soll.


Mit dieser recht engen Beschreibung von Soziotherapie
wird der biologische Ansatz in der Psychiatrie gestärkt und finanziell gefördert, während die klassische unabhängige Sozialarbeit zunehmend um ihre Existenz kämpfen muss. In NRW wurden zuletzt drastische Kürzungen in diesem Bereich angekündigt, die nicht ohne Folgen für viele kleine Betreuungsvereine bleiben werden.

Wir befürchten eine weitere Monopolisierung des Gesundheitswesens im Interesse der finanzstärksten Dienstleister, bei denen die Anwendung von Neuroleptika im Vordergrund steht.

Wir befürchten weiterhin, dass alternative Behandlungskonzepte wie z.B. Soteria weiter unter Druck geraten könnten und sehen auch die Gefahr, dass die gesetzlichen Regelungen zum Schutz der Patienten, z.B. auch die bisher notwendige richterliche Genehmigung für Zwangs- und Dauermedikation mit der Zeit weiter abgebaut werden könnten.

Das wird begründet mit dem Hinweis auf eine angeblich wissenschaftlich erwiesene primär biologische Verursachung seelischer Störungen und mit der Behauptung, dass damit auch Kosten gesenkt werden könnten.
Viele von uns (Betroffenen), die gelernt haben, ihr Leben wieder selbst zu ordnen und z.T. auch wieder ganz ohne Medikamente leben, widerlegen eigentlich die Behauptung einer erblich fixierten seelischen Störung. Was durch Lernen veränderbar ist, kann nicht erblich festgelegt sein. Die Fixierung des Denkens auf biologische Verursachungsfaktoren ist, das zeigt unsere Erfahrung, ist oft ein Hindernis, die komplexe biographische und soziale Situation eines Menschen in den Blick nehmen zu können und daraus ein Verständnis des Menschen und seiner Störung zu gewinnen. Das führt für viele geradewegs in die Chronizität.

Die (ganz nebenbei) angestrebte Senkung der Kosten, wird aus unserer Sicht über diese Maßnahme nicht erreicht werden. Wir haben den Eindruck, dass der Gesetzgeber hier voll der Linie des Kompetenznetzwerkes gefolgt ist. Die dort entwickelten Konzepte sind praktisch ohne Beteiligung der Psychatrieerfahrenenorganisationen entstanden, was eindeutig zu Lasten ihrer Qualität gegangen ist.


Wir favorisieren eine deutliche Anhebung der Mittel zur Stärkung von Selbsthilfekompetenzen, für wissenschaftliche Untersuchungen der in der Selbsthilfe gewonnenen wertvollen Erfahrungen unter Beteiligung der Betroffenen und eine grundsätzliche Überprüfung des medizinischen Krankheitskonzeptes seelischer Störungen, das unschwer als theoretische Grundlage des verabschiedeten Gesetzes erkennbar ist.


Wir leugnen nicht, dass das Gesetz durchaus auch Sozialtherapie in dem von uns gewünschten Sinne zulassen kann, wenn die beteiligten Ärzte und Sozialarbeiter zu einer kritischen Distanz zu biologistischen Konzepten fähig sind. Von einer Förderung einer solchen Distanz und einer Erhaltung einer notwendigen Vielfalt der Angebote im therapeutischen Setting kann aus unserer Sicht aber nicht die Rede sein. Im Gegenteil sieht es für uns so aus, dass die Konzepte des Kompetenznetzwerkes immer mehr auf den Status einer Generallinie angehoben werden und Kritik daran als verwerfliche Ketzerei diskreditiert wird. Der Hinweis auf die vielfältigen Angebote in einer modernen Klinik kann nicht als Gegenbeweis angeführt werden, wenn sich solche Therapieformen dem medizinischen Dogma unterordnen müssen.

Sozio-therapie kann so, wie sie in dem Gesetz definiert ist, auch als eine amputierte Form der Sozialtherapie bezeichnet werden und solche "Verstümmelungen" kann man auch bei anderen Therapieformen nachweisen.
Die Betroffenenverbände werden dieses Gesetz zum Anlass nehmen, verstärkt auf vorhandene Alternativen in die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und dafür zu werben. Und ganz nebenbei, weil es nun mal in der Politik mehr und mehr zum einzigen harten Argument geworden ist:

Billiger wird diese Einfalt in der Psychiatriepolitik sicher nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass im Gegenteil der Produktion von Chronizität am Fließband der Weg geebnet wird.


Es ist höchste Zeit, dass die Gesundheitspolitik in einem zunehmend monopolisierten Gesundheitswesen wieder zu einer unabhängigen Größe wird. Dies ist ohne eine stärkere und gesetzlich festgeschriebene Beteiligung von Betroffenen und/oder ihren Verbänden bei der Erarbeitung von Konzepten und Gesetzen u.a. nicht zu machen. Ich zweifle nicht daran, dass dabei menschlichere und billigere Lösungen gefunden werden als die, die im Moment modisch sind.


Dieser Text kann als Grundlage für Unterschriftensammlungen, Eingaben etc. gegen eine einseitige Psychiatriepolitik genommen werden. Das Gesetz ist zwar schon eine Weile gültig (Jan 2002), in die Diskussion über den weiteren Kurs der Psychiatriepolitik werden sich die Betroffenenverbände aber sicher stärker einbringen als bisher.

 


Kalle Pehe

 


Nachschlag:


Im Zusammenhang mit diesem Gesetz mache ich mir Gedanken über das Verständnis von Effizienz in hierarchisch organisierten Systemen. Man kann das an diesem Gesetz und ähnlich gestrickten Entscheidungen gut untersuchen/nachverfolgen.  Effizienz in der psychosozialen Versorgung entsteht in diesem Verständnis dadurch, dass man möglichst linientreu die Anweisung eines obersten Dienstherrn umsetzt, der natürlich weiß, was richtig ist.


Ich würde diesem Effizienzbegriff, der in vielen Bereichen (Schulsystem, Betriebsorganisation, Politik allgemein) als alternativlos gültig angesehen wird, die Reformvorstellungen des Freiherrn vom Stein gegenüberstellen:

Der empfahl und praktizierte als Reaktion auf einen durch Friedrich den Großen perfekt abgerichteten Staatsapparat ("preußische Tugenden"), der sich nach seinem Hinscheiden rasch als völlig unfähig erwies, selbständige Entscheidungen zu treffen (alle warten auf Befehle von oben), die Eigenverantwortlichkeit der Beamten als neue Tugend zu entdecken und dafür Räume zu schaffen. Kein Zweifel wurde die Politik dadurch flexibler, wurde den lokalen Besonderheiten besser gerecht und damit wirklich effizienter. Im modernen Sprachgebrauch spricht man von einer Verflachung der Hierarchien. Das es nebenbei auch viel mehr Spaß macht, in solchen Strukturen zu denken und zu arbeiten, muss ich nicht extra betonen.


Dies als Hintergrund für den  kritischen Text zum Soziotherapiegesetz. Man fühlt sich wirklich zurückversetzt in die Zeiten des "alten Fritz" und kann sich nur wundern, wenn erwachsene Menschen in einem demokratischen Staatswesen sich mit solchem Unsinn arrangieren und das dann auch noch als hohe Tugend preisen.


Wie schön, dass es auch noch die Selbsthilfe gibt, die längst zur Keimzelle einer anderen, besseren, zivilen Gesellschaft geworden ist. Und dass die noch recht klein ist und natürlich bisher nur begrenzte Möglichkeiten hat, stört mich dabei überhaupt nicht.