Der Schneider von Ulm (Ulm 1592)


Bischof, ich kann fliegen
Sagte der Schneider zum Bischof.
Paß auf, wie ich´s mach!
Und er stieg mit ´nen Dingen
Die aussahn wie Schwingen
Auf das große, große Kirchendach.
Der Bischof ging weiter.
Das sind lauter so Lügen
Der Mensch ist kein Vogel
Es wird nie ein Mensch fliegen
Sagte der Bischof zum Schneider.
Der Schneider ist verschieden
sagten die Leute dem Bischof.
Es war eine Hatz.
Seine Flügel sind zerspellet
Und er liegt zerschellet
Auf dem harten, harten Kirchenplatz.
Die Glocken sollen läuten
Es waren nichts als Lügen
Der Mensch ist kein Vogel
Es wird nie ein Mensch fliegen
Sagte der Bischof den Leuten.

Bertolt Brecht

 

Und als (späte) Antwort an den Bischof unser Selbsthilfeballon (Krefeld 2002) Selbsthilfe

Zeichner des schönen Selbsthilfeballons: JARI (Banas) aus Krefeld für das Forum Selbsthilfe Krefeld

Alles nur heiße Luft
..heißt es gelegentlich, wenn Menschen nach dem Geschmack anderer Menschen ein bisschen viel Wirbel veranstalten und am Ende wenig bis nichts dabei herauskommt.
Es ist kein Geheimnis, dass das immer noch die verbreitete Ansicht von Selbsthilfe ist, in der sich Menschen mit seelischen Störungen versuchen. Suchterkrankte haben zwar eine gewisse Akzeptanz erreicht. Dass sich „Psychotiker, Schizophrene, Angsterkrankte..." selber helfen wollen, wird nicht selten sogar als Ausdruck ihrer Störung gewertet: „Mangelnde Krankheitseinsicht,
Selbstüberschätzung, keine Ahnung von biologischen Fakten", heißt es dann hinter vorgehaltener Hand und mit der Autorität endgültiger wissenschaftlicher Erkenntnis versehen.
„Heiße Luft" also, wenn Men-schen sich bemühen aufzustehen und dann - so hat es auch bei mir angefangen - oft gegen Wände anrennen. Da geht so manchem die Luft aus, und wer zur Kurzatmigkeit neigt und nach einigen vergeblichen Versuchen aufgibt, bestätigt diese Sicht der Dinge: „Na, bitte, haben wir doch gleich gesagt, endlich wird er/sie vernünftig."
Ich kann inzwischen auf 11 Jahre Selbsthilfe zurückblicken und bin immer noch nicht vernünftig geworden.
Als Physiklehrer weiß ich um die Faszination des Unmöglichen und dass Menschen, allen Pessimisten zum Trotz, das Fliegen gelernt haben. Die Physik des Heißluftbal-lons ist eigentlich einfach. Mir hat es großen Spaß gemacht, eine Formel für die Nutzlast eines Ballons herzuleiten, weiß nun, wie groß er sein, welche Temperatur die Luft haben muss und wie schwer die Ballonhülle sein darf, damit er mich (70kg) tragen kann. Und gebaut haben ihn dann Schüler einer 9ten Klasse (und einer ganz alleine aus der 7ten): Nutzlast 100g, also eine Tafel Schokolade als Testpilot. Hat geklappt.
Es hat meinem Weg in der Selbsthilfe nicht geschadet, dass ich in der Physik gelernt habe, ein Problem systematisch anzugehen und nicht gleich aufzugeben, wenn eine Lösung auf Anhieb nicht gelingt. Total normal in der Geschichte der Natur-wissenschaften, wo man mit vielen unvernünftigen Menschen bekannt wird, die sich am Unmöglichen versuchen/versucht haben. Es dauert seine Zeit, aber vieles geht schließlich doch. Meine Ballonphilosophie hat sich also auch in der Selbsthilfe bewährt. Unser Ballon wurde zum Markenzeichen des Forum Selbsthilfe in Krefeld, einem Zusammenschluss von ca. 80 Selbsthilfegruppen im Gesundheitswesen, das von A (Anonyme Alkoholiker) bis Z („Zappelphilipp") ein breites Themenspektrum abdeckt und flog dann tatsächlich an einem Selbsthilfetag in Krefeld. Ich will ein paar weitere Bemerkungen zu seiner symbolischen Bedeutung beisteuern:
- Die Nutzlast, die so ein Ballon tragen kann, ist begrenzt.
- Man muss immer wieder heiße Luft produzieren, damit er fliegt, und das kostet Mühe.
- Wer den kürzesten Weg von A nach B sucht, ist falsch bei uns. Man weiß vorher nie, wo man ankommt.
- Man muss MIT den Naturgesetzen (Menschen) arbeiten, anstatt gegen sie!
Jetzt lasse ich dich alleine fliegen, liebe/r LeserIn...(bringt eigene Einfälle und vermehrt die „Ballonflieger").
Biologie unterrichte ich übrigens auch. Da habe ich gelernt, dass Leben sich selbst die Bedingungen schafft, die es braucht und dass Vielfalt besser ist als Einfalt. Eine Lösung findet die Natur immer, wenn man ein bisschen Geduld mit ihr (und sich) hat. „Man kann die Natur nicht verbessern", meinte der kürzlich (Mai 2002) verstorbene Jose Lutzenberger und hatte recht damit. Diese Feststellung trifft auch auf die Selbsthilfe zu, gerade da wo sie authentisch und (das muss mir kein/e Fachmann/frau erklären) natürlich unvollkommen ist.


Der Autor ist Lehrer für Physik und Biologie an einem Krefelder Gymnasium, landete 1990 (Golfkrieg) zwangseingewiesen in der Psychiatrie, fand den Weg zurück in seinen Beruf, schluckt keine Neuroleptika und andere Mittelchen, freut sich seines Lebens und – das kann man jetzt wörtlich nehmen oder satirisch – leidet nach eigener Aussage an einem „chronifizierten Selbsthelfersyndrom".
"Mut zum Anderssein" - Krefeld
Selbsthilfegruppe für seelische Gesundheit
Tel./Fax 02151 / 87 58 04