Kritik am medizinischen Krankheitsmodell

Kalle Pehe

 

Prof. Gaebel in Beweisnot - Gehirnpräparate gesucht Krefeld, 26.01.2001

Was macht uns/mich zum Menschen? Mehr Fragen als Antworten

Leserbrief (nicht veröffentlicht) zum Artikel "Zersplittertes Ich" aus der ZEIT Nr.18 vom 26.4.2001

Implantat könnte Schizophrenie-Patienten für ein Jahr stabilisieren

 

 

 

 

 

 

 

 

Seitenanfang

 

Prof. Gaebel in Beweisnot - Gehirnpräparate gesucht

von Kalle Pehe, Krefeld, 26.1.2001

Das durch eine Indiskretion bekannt gewordene Interesse des Prof. Gaebel von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf an den Gehirnen von als "schizophren" diagnostizierten Menschen könnte man als normales Interesse eines Biologen sehen, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser verstehen zu lernen (siehe SOZIALE PSYCHIATRIE 1/2002). Unter diesem Gesichtspunkt wäre es dann ähnlich zu bewerten wie das Interesse an anderen Körperorganen, die in der Pathologie zur Erforschung organischer Erkrankungen untersucht werden. Fortschritte in der Medizin, die uns allen zugute kommen, wären ohne solche Untersuchungen schlicht undenkbar. Das Interesse an den Hirnen "Schizophrener" weist aber einige Besonderheiten auf, die mich veranlassen, dazu ein paar Anmerkungen zu machen:

1

Erstens gibt es eine unselige Tradition dieses Interesses an den Gehirnen von Menschen mit abweichenden Verhaltensweisen und Erlebniswelten. In der Nazizeit gab es breit angelegte sog. Forschungsprogramme, die u.a. und manchmal auch besonders dem Zweck dienten, die rassistischen Vorstellungen der Nazi-Ideologen durch "harte Forschung" zu untermauern. Damals hatte man keine Skrupel, die "Träger interessanter Gehirne" kurzerhand umzubringen und das "gewonnene Material" anschließend in den berühmten Einmachgläsern zu konservieren und für sich wissenschaftlich nennende Untersuchungen bereit zu halten. Kürzlich war in der Rheinischen Post zu lesen, dass es bis heute aufbewahrte Reste solcher Sammlungen gibt.

2

Zweitens gibt es einen aktuellen wissenschaftlichen Streit darüber, ob man die "Schizophrenie" mit dem Etikett "erblich bedingte Stoffwechselstörung" medizinisch verstehen und behandeln kann oder ob die damit verbundenen Erscheinungen eher als besondere Dimension menschlichen Erlebens anzusprechen sind, also als besondere, oft problematische Zustände, die sich zwar hartnäckig halten, aber auch wieder auflösen können. Da sich herumspricht, dass sich doch viele der an dieser angeblichen Erbkrankheit leidende Menschen vollständig erholen und dabei zudem oft über überdurchschnittliche Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten verfügen, sind die Vertreter des medizinischen Krankheitskonzeptes seelischer Störungen in einer gewissen Beweisnot: Wie kann man einen Zustand pauschal als "angeborene Erbkrankheit" bezeichnen, der sich wieder auflösen kann und sogar gereifte, interessante Persönlichkeiten hervorbringt? Ich behaupte nicht, dass das immer möglich ist, und das ist für meine Zweifel auch gar nicht entscheidend. Denn auch Einzelfälle zählen, wenn es um "Modelle der Schizophrenie" mit allgemeinem, wissenschaftlichem Anspruch geht.

Das Interesse an den Hirnpräparaten wäre vor diesem Hintergrund als Eingeständnis zu werten, dass die angeblich bewiesene biologistische Erklärung der "Schizophrenie" (u.a. Störungen) eben doch nicht so recht abgesichert ist. In der Tat gibt es bis heute keinen eindeutigen physiologischen Nachweis der "Schizophrenie". Man diagnostiziert sie nachwievor anhand des allgemeinen Erscheinungsbildes eines Menschen, der dabei einer Bewertung unterzogen wird, in die Werte, Normen, Vorurteile, u.a.m. der Fachleute selbstverständlich einfließen ( z.B. auch das Vorurteil von der unheilbaren Stoffwechselerkrankung ). Es ist belegt, wie durch entsprechende Voreinstellungen von Menschen eine andere Wirklichkeit erzeugt werden kann, die symptomverstärkende, also krankmachende Wirkungen hervorbringt (Konstruktivismus). Es ist unerheblich, ob das vorsätzlich oder aus Dummheit geschieht. Wir Betroffene sind selbstverständlich nicht damit einverstanden, dass wir immer die "Dummen" sind. Und die Fachleute, die über diesen Vorwurf vielleicht empört sind, sollten sich für einen Moment mal in die Lage eines Menschen versetzen, der gegen seine Demütigung und Abwertung völlig zu Recht rebelliert und anschließend festgebunden (fixiert) und mit Neuroleptika abgefüllt wird. Leider kommt es auch heute noch oft vor, dass Widerspruch von Patienten als Teil einer "Pathologie" bewertet und entsprechend bekämpft wird, auch wenn es dafür bei genauerem Hinsehen eine ganz menschliche Erklärung gibt.

Ich möchte hier nicht in den Chor der Leute einstimmen, die Prof. Gaebel auf eine Ebene mit den Nazi-Ärzten stellen. Trotzdem muß man ihn mit der Tradition eines einseitig biologistischen Ansatzes in der psychiatrischen Forschung und seinen Folgen in der Vergangenheit konfrontieren. Dass er in dem Streit um die Ursachen der "Schizophrenie" dem biologistischen Lager zuzurechnen ist, hat er des öfteren bewiesen und ist mit ein Grund dafür, dass wir Betroffene Anstoß daran nehmen, dass ausgerechnet ein harter Vertreter dieser Denkrichtung einer "Antistigmakampagne" (open-the-doors) vorsteht, die viele von uns als Stigmatisierungskampagne erleben, weil der biologistische Ansatz unserer Persönlichkeit und unseren biographischen "Verstrickungen" bzw. Lebenskrisen ungenügende Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe das mal sehr freundlich formuliert. Viele von uns haben ihre Behandlung in einer von diesem Denken geprägten Psychiatrie auch als Mißhandlung erlebt, sich als Person gedemütigt und abgewertet gefühlt. Dies ist ja der Grund, warum sich ehemalige und heutige Psychiatriepatienten zunehmend auch politisch zu Wort melden und die Achtung ihrer Persönlichkeitsrechte anmahnen. (Klar, dass man dieses Engagement auch als "pathologisch" wahrnehmen/diffamieren kann.)

Noch eine Bemerkung mit Blick auf die Menschen, deren Befürchtungen vor vermeintlich geplanten neuen "Ausmerzungsaktionen" ins Grenzenlose wachsen und die darüber vielleicht sogar panische Ängste entwickeln. Ich meine, dass dazu im Augenblich kein Anlaß besteht. Anlaß zur Wachsamkeit besteht allerdings immer. Das ist meine persönlich Einschätzung, mehr nicht.

Und zum Schluß noch eine kleine Begebenheit mit einem Menschen, von dem man immer etwas lernen kann, auch wenn er nicht mehr unter den Lebenden ist: Mediziner interessierten sich, ganz legal, auch für das Gehirn des Albert Einstein. Man kann nachlesen, wie er darauf reagierte. Er sagte, dass er nichts dagegen habe, dass man sein Gehirn nach seinem Tode untersucht, nicht ohne schmunzelnd zu ergänzen: "Sie werden aber nichts finden, was sie nicht schon wissen."

Ich wünsche uns die Gelassenheit dieses großen und doch so bescheidenen Menschen. Herr Gaebel wird nichts finden, was für uns einen Nutzen haben könnte. Schade um das Geld, dass für solche Projekte zum Fenster hinausgeworfen wird. Mit einem Bruchteil dieser Summe könnten wir in der Selbsthilfe ganz andere Dinge zustande bringen. Wenn man unsere Erfahrungen in den Institutionen mehr nutzen würde, (was für mich nur eine Frage der Zeit ist!), könnte sogar viel Geld gespart werden, das für heute übliche Behandlungen ausgegeben wird. Dass eine solche Lösung auch menschlicher sein wird, sei nebenbei vermerkt, und dieses Argument sollte auch unabhängig von Kostengesichtspunkten weiterhin zählen. Wofür sollte man sonst arbeiten und Geld verdienen, wenn nicht dafür, dass es uns gut geht? Gesundheit und Wohlbefinden unserer Patienten können wir dabei nicht vernachlässigen.

Dass Selbsthilfe andererseits nur exemplarisch bessere Lösungen erarbeiten kann und nicht flächendeckend, stimmt allerdings auch. Zusammenarbeit ist deshalb attraktiv für beide Seiten und das Gebot des Tages.

Schon heute verdient das, was wir ziemlich "mittellos" und klein, aber fein in der Selbsthilfe schaffen und erschaffen, Respekt. Ich weiß, worauf ich auch ganz persönlich ein bisschen stolz sein kann, wenn ich auf 10Jahre engagierte Selbsthilfearbeit in Krefeld zurückblicke.

Selbsthilfe ist eine gute Sache. Das spricht sich herum und weckt Appetit auf mehr, einen gesunden Appetit im Vergleich zu dem, der das liebe Geld zum Ziel hat. Da ist der Appetit bestimmter Leute besonders groß oder, um es medizinisch zu formulieren, regelrecht "manisch". Über eine Behandlung solcherart Manien sollte man auch mal nachdenken. -Ende-

Hier noch ein Link zur weiteren Information zum Thema und weiteren Aspekten der genorientierten Psychiatrie

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/9117/1.html

 

Seitenanfang

 

 

 

 

 

Seitenanfang

 

Was macht uns/mich zum Menschen?

Mehr Fragen als Antworten

Dass ein Mensch mit sich und der Welt unzufrieden ist und darüber nachdenkt, was zu ändern ist, ist eigentlich nichts Besonderes. Die Geschichte des Lebens auf der Erde war und ist eine Geschichte von Fehlern und Unzulänglichkeiten, an denen das Leben scheitern oder sich bewähren kann. Das gilt erst recht auch für ein individuelles Menschenleben.

Tiere und Pflanzen finden biologische Lösungen, in denen eine veränderte materielle Ausstattung neue Möglichkeiten eröffnet, mit Mangelsituationen fertig zu werden, an denen andere Lebewesen zugrunde gehen.

Was die Tiere betrifft, so sollte man nicht ausschließen, dass ein Individuum besondere Fähigkeiten entwickeln kann, die durch die Genetik nicht von vornherein zwingend vorgeschrieben sind. Warum soll nicht auch ein Tier schöpferisch sein?

Übereinstimmung besteht wohl darüber, dass viele Menschen ihre Möglichkeiten bei weitem nicht ausschöpfen. Oft folgen sie ein Leben lang traditionell vorgezeichneten Lebensbahnen, und entdecken nie ihre 2.Natur (Nietzsche), die ihre erste werden könnte, in der sie in Abgrenzung vom Üblichen ihrem wahren Selbst begegnen könnten.

An die Gene und die Grenzen, die sie uns ziehen, denke ich dabei zu allerletzt. Ein Bild dazu: Schwierigkeiten mit dem PC betreffen in den allermeisten Fällen die Software. Der Zeitgenosse, der jedesmal zum Schraubenzieher greift, wenn es darum geht, einen Fehler zu beseitigen, dürfte meist voll daneben greifen. Mir kommt dieses Bild in den Sinn, wenn ich an die Debatte um die genetische Verbesserung des Menschen denke.

Nachdem man mit den Ergebnissen erzieherischen Einwirkens offensichtlich immer weniger zufrieden ist (die leidige „Software") steht das Großprojekt des genetisch aufgerüsteten Menschen („Hardware") ins Haus.

Versuche, in einem großen Entwurf einen besseren Menschen zu schaffen, gab es in der Menschheitsgeschichte zuhauf. Was davon blieb, waren (oft schreckliche) Erfahrungen, wie es nicht geht. Man könnte ironisch werden und die Fähigkeit zum Verzicht auf solche Ideen als die eigentlich anstehende Verbesserung ins Auge fassen. Fraglich, ob es genügend Menschen gibt, die so weit sind.

Im Nietzsche-Jahr kommt man an seinem „Übermenschen" nicht vorbei. Angelegt als großer Entwurf, war er eigentlich schon mit Nietzsches persönlichem Zusammenbruch fraglich geworden. Er wird die „Webfehler" in seiner Konstruktion und damit das Scheitern seines Lebenswerkes intuitiv erfasst haben, als seine Welt zusammenstürzte. Nietzsche hat sich davon nicht mehr erholt. Ein Neuanfang war ihm nicht vergönnt.

Sicher hatte er nicht den Herdenmenschen im Sinn gehabt, den die Nationalsozialisten als „Herrenmenschen" in Großserie produzieren wollten. Das Scheitern auch des marxistischen Alternativentwurfs dazu, ebenfalls vom Fortschrittsglauben der aufstrebenden technischen Zivilisation inspiriert, hätte uns von unserem „Menschenmacher-Wahn" erlösen können.

Mit einer gewissen Sensibilität für die Problematik politisch oder religiös gestrickter Heilslehren zur „Befreiung" des Menschen ist das Problem aber längst nicht gelöst.

 

Schon wieder ein Übermensch? Nein Danke!

Jetzt steigt die Wissenschaft höchstselbst in den Ring. Die Sehnsucht des Menschen nach einfachen Lösungen schafft immer wieder eine Bühne, auf der Variationen dieses alten Menschheitsthemas ihr Publikum finden.

Wir sind in der Gegenwart angekommen, bei den Plänen einer genetischen Verbesserung des Menschen. Erneut hat ein monumentaler Entwurf eines neuen Menschen Konjunktur, und erneut sind es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die fantastische Möglichkeiten verheißen. Die Zeiten, in denen Menschlichkeit vor allem mit dem Wirken idealistisch motivierter Persönlichkeiten verbunden wurde, gehen angeblich zu Ende. Jetzt können wir „Nägel mit Köpfen" machen. Neue, bessere Menschen mit wissenschaftlicher Anleitung werden schon in wenigen Jahren in Serie gehen. Es wäre aber ungerecht, die Wissenschaft insgesamt auf diesem Kurs zu sehen. Der Wirbel in den Medien dürfte seine Energie aus den Gesetzen des Medienmarktes selbst beziehen. Ernst zu nehmende Skeptiker, Kritiker aus der Wissenschaftszunft gibt es durchaus. Mir fallen spontan die Namen Chargaff und Hubert Markl ein, die den Lärm um diese Pläne ablehnen und als unseriös kritisieren. „Denn Gene erzwingen tatsächlich sehr wenig, aber sie ermöglichen ungeheuer viel, darin liegt ihre wahre Macht," so Hubert Markl in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 1./2.Juli 2000. Gleichzeitig wehrt er sich da gegen pauschale Verdächtigung genetischer Forschung.

Einen Vorgeschmack vom technisch aufgerüsteten neuen Menschen erleben wir im modernen Leistungssport, wo chemische Präparate ungenutzte Ressourcen freisetzen sollen. Um welchen Preis und mit welchen Zielen? Man schaue sich Modellathleten an, die von Jugend an gepäppelt werden wie „Hochleistungsgemüse" oder „Hochleistungsrassen im Rinder- und Schweinestall". Das ist sicher noch nicht die Regel, aber ohne Zweifel ein expandierender Markt. Demnächst werden also Manipulationen an den Genen dazukommen, die jeden Dopingtest überstehen werden. Mir kommt auch die kosmetische Medizin in den Sinn, in der Menschen zunehmend ihre Würde aufs Spiel setzen für fragwürdige Verbesserungen an ihrem Körper. Das „Päppeln" und „Trimmen" hat auch in der Erziehung Tradition, auch wenn es nur selten die Ergebnisse zeitigt, die ehrgeizige Eltern, natürlich in bester Absicht, erreichen wollen.

Orwell und Huxley haben das schon vor Jahrzehnten in ihrer Fantasie durchgespielt und niedergeschrieben. Die Wirklichkeit beeilt sich, mit ihrem „Schneller-höher-weiter-Wahn" alle Planspiele zu überholen. Auf der anderen Seite eine junge Generation, die in der Breite eher distanziert und wenig motiviert diesem Treiben zusieht.

Schneller als ein Fussgänger, als ein Fahrrad, als ein Auto, ein Flugzeug, eine Rakete, als Lichtgeschwindigkeit? Geht es uns besser, wenn wir schneller sind? Ist die Fahrt in einem Rennwagen wirklich beglückender als die in einer Pferdekutsche, als ein Spaziergang auf einem einsamen Pfad? Höher?

Wie hoch? Wann ist man oben? Wo ist das, oben? Wie fühlt man sich da oben? Geht es noch höher hinaus? Wird die Luft da oben dünner? Brauchen wir da Sauerstoffaggregate? Was sind das für Menschen, die unten sind? Brauchen wir die überhaupt noch? Weiter?

Weiter als was? Als ein Katzensprung? Als ein Steinwurf? Eine Tagesreise? Weiter als das Ende der Welt? Wo ist das? Irgendwo im Weltall in einem Raumschiff ohne Wiederkehr? Weiter als der Weg zu einer einsamen Insel im Ozean? Weit weg? Oder auch ganz nah - nah an der Wirklichkeit vorbei?.

Nach - denken heißt zurückschauen. Was machen wir Menschen da eigentlich? Wo kommen wir hin, wenn wir unser Glück von einer erfolgreichen Teilnahme an diesem Wettrennen abhängig machen? Sind wir besser, wenn wir da die Nase gelegentlich ganz vorn haben? Fühlen wir uns besser?

Seitenanfang

Verbesserung des Menschen?

Da müsste man erst einmal das kennen, was man verbessern will. Was ist das eigentlich - ein Mensch? Was ist ein besserer Mensch? Wer das nicht verstanden hat, dem könnte es ergehen wie dem Ingenieur, der ein Flugzeug dadurch verbessert, dass er ihm die Flügel abmontiert. Es passt dann zwar in seine Garage, aber es fliegt nicht mehr.

Und vorausgesetzt, man hat es verstanden - dann bleibt noch die Frage, ob man den Menschen verbessern kann wie eine Maschine, die nach der Verbesserung besser funktioniert. Es geht hier nicht um die Reparatur kleiner Defekte in der Gensequenz. Darüber kann man reden. Es geht um die Vorstellung vom besseren Menschen als großem Entwurf, die Vorstellung, dass das machbar sein könnte.

Ist ein Mensch, der besser funktioniert, ein besserer Mensch oder nur ein anderer? Ist er menschlicher oder gar weniger menschlich? Kann ein Mensch überhaupt mehr Mensch werden als er schon ist? Unser ans Quantifizieren gewohnte Denken stößt hier an Grenzen. Wer misst das, was besser ist?

Es gibt Dinge, die sind wie sie sind und entwickeln sich, wie sie wollen, allen Machern zum Trotz. Soll man darüber traurig sein, dass aus unseren Kindern etwas ganz anderes wird als geplant? Wenn sie wegen oder trotz aller Erziehung werden, wie sie am Ende sind? Wäre die Welt besser, wenn sie alle so würden, wie wir es wollen?

Manchmal reicht es, Fragen zu stellen, die Antworten erübrigen sich dann vielleicht - die richtigen Fragen, versteht sich. Was sind die richtigen, die wichtigen Fragen?

Seitenanfang

Gesundheit, Krankheit und Gene

Gesundheit. Was ist das überhaupt? Wenn ich mich gut fühle, wenn ich normal funktioniere, reicht das? Wenn ich lebe, wie ich es will, geht das? Ist das wünschenswert, eine Welt ohne Krankheiten, ohne Störungen körperlicher oder seelischer Art? Denkbar ? Machbar?

Kann das ernsthaft als eine Frage der richtigen Genetik gestellt werden? Ist es nicht genauso eine Frage geeigneten kultureller Muster, die mit unserer genetischen Ausstattung verträglich sind? Polemisch gefragt: Ist vielleicht die Leber das Problem, wenn sie die Mengen Alkohol, die ein Mensch für sich als normal empfindet, nicht mehr schafft? Die Aufgabe lautet dann doch wohl, ein besseres Programm für sich zu entwickeln. Eine Aufgabe für einen konkreten Menschen in einer konkreten Situation.

Wir können der Natur (und/oder dem Schöpfer) dankbar sein, weil sie/er uns darauf aufmerksam macht. Ich rede nicht von Diabetes oder z.B. der Phenylketonurie. Ich rede von dem Projekt, einen besseren Menschen machen zu wollen, bei dem die Verantwortung des einzelnen für sich und die Natur ersetzt wird durch Technik. Und dass bestimmte Leute uns das als Verbesserung verkaufen wollen.

Bei Lebewesen mit künstlich erzeugten Gendefekten ist man auf erstaunliche Fähigkeiten der Regulation, der Kompensation gestoßen. Nicht jede genetische Abweichung ist deshalb eindeutig als Nachteil zu klassifizieren. Sie kann auch Regulationsmechanismen anstoßen, die schließlich sogar neue interessante Muster hervorbringen, die erst durch den „Defekt" freigelegt werden. Das ist selbst bei schweren körperlichen Verletzungen nicht von vornherein ausgeschlossen. Da lassen sich Geschichten mit unerwartetem Ausgang erzählen, die einen Menschen ein neues Leben beginnen lassen, das ihm neue Möglichkeiten erschließt, die vorher brachlagen, die er verschlafen hat. Das Leben wird nun mal nicht gemacht, wie ein technischer Apparat, es lebt nach seiner eigenen Art. Überraschende Wendungen zeigen sich bei vermeintlich todsicheren Erfolgsrezepten ebenso wie abseits der ideologischen Autobahnen auf Schleichwegen. Auch dort kann man Schätze finden, neue Entdeckungen machen, sogar ohne danach zu suchen. Wer will das vorher wissen?

Seitenanfang

Mensch bleiben/werden

Vergessen wir die Übermenschen und die, die sich dafür halten. Sie müssen ohnehin aufpassen, dass es ihnen nicht ergeht wie dem armen Nietzsche, als sein mühsam aufgerichtetes Welt- und Selbstbild zusammenstürzte. Wenden wir uns den Gescheiterten zu, unserem eigenen Scheitern, schauen wir zur Abwechslung einmal nach unten.

Wer zweifelt daran, dass wir gerade hier dem Menschen begegnen, dem Menschlichen nahe sind?

Die Flucht nach ganz oben, kann im Nichts enden. Ganz unten trefft Ihr immer Menschen - manchmal die, die sich einmal ganz oben wähnten. Absturz, freier Fall. Unsanftes, schreckliches Erwachen aus einem Traum. Ernüchterung.

Neu beginnen. Die Welt von unten anschauen. Abschied nehmen vom Übermenschen, ankommen beim Menschen, ankommen bei sich - selbst wenn man Glück hat. „Das was der Mensch sucht, ist das, was sucht," meinte Franz von Assisi, der es ausprobiert hat.

Seitenanfang

Erfahrungen mit genetischen Verbesserungen

Wie wäre es, liebe Fortschrittsgemeinde, wenn ihr euch mal die Produkte eurer Bemühungen in der Tier- und Pflanzenzucht wirklich selbstkritisch anschaut? Vieles überlebt doch nur, wenn es Tag und Nacht „gepäppelt" wird, mit allerlei Mittelchen und Maschinchen, das in einer zweifelhaften, aufwendigen Kunstwelt existiert, der vor allem eine Eigenschaft aller vom Menschen hervorgebrachten Dinge anhaftet - die Vergänglichkeit. „Die Natur kann man nicht verbessern," sagt der Brasilianer José Lutzenberger, der als Landwirtschaftsberater in der chemischen Industrie begann, und zu der Einsicht kam, dass der Mensch besser fährt, wenn er mit der Natur und ihren großartigen Erfindungen arbeitet, statt gegen sie. Besserung.

Menschen, die tausendjährige Reiche planen, das Paradies auf Erden in erreichbarer Ferne sehen - was haben sie erreicht? Wenn ich nur eines aus der Geschichte gelernt habe, dann ist es dies: Menschen sind und bleiben erfolgreiche „Kleinkünstler", wenn es günstig läuft, Narren, wenn es glimpflich ausgeht und nicht selten Übermenschen des Verbrechens, wenn sie sich zum Gott aufschwingen wollen.

Denken wir nach über Besserung, und die Verbesserung wird uns als Geschenk in den Schoss fallen. Warum monumentale Verbesserungen? Der Wunsch danach ist doch ein Produkt der Verzweiflung, die das Gerenne nach Illusionen irgendwann ablöst.

Was ist so trübe an der Aussicht, gute Kleinkunst abzuliefern, Abschied zu nehmen von allem Monumentalen, das am Ende doch nur monströs ausfallen kann?

Übrigens, Maschinen werden nie krank und sterben auch nicht, aber kaputt sind sie irgendwann alle einmal. Menschen können erkranken und wieder gesund werden, und irgendwann sterben sie auch, machen Platz für andere, die neue Wege ausprobieren oder/und Bewährtes fortführen - oder auch jede Dummheit noch einmal selber wiederholen. Das ist menschlich. Und keiner weiß, ob sie danach klüger sind.

Eigentlich ist das auch gar nicht mein Thema, wenngleich es mich natürlich interessieren muss, was andere tun und wollen. Man muss schließlich vorbereitet sein und aufpassen, wenn man überleben und leben will.

Seitenanfang

Seelische Störungen, ein besonders heikles Thema

Bei seelischen Störungen ist die Einteilung gesund und krank besonders problematisch. Es gilt als inzwischen allgemein üblich, eine genetisch disponierte „erhöhte Vulnerabilität" zusammen mit Stress als Ursache zu diskutieren. Mal ganz im Ernst. Ist es wünschenswert, dass Menschen seelisch weniger verletzlich werden? Kann man nicht im Gegenteil sogar eine zunehmende Abstumpfung gegenüber Missständen beklagen, die man beseitigen könnte, wenn man sie nur zur Kenntnis nähme? Müssen wir nicht dankbar sein für „Seismographen", die uns warnen, wenn irgendwo etwas im Argen liegt? Rechtzeitig. Wenn wir es hören und sehen wollen.

Es stimmt, man kann die Natur nicht verbessern, auch nicht bei den Frühwarnsystemen. Verbessern könnte man die Sensibilität für die großartigen Fähigkeiten der Natur. Und allen Pessimisten zum Trotz: Der Mensch ist nicht nur in der Zerstörung unerreicht, er hat auch in Sachen Sensibilität sicher noch ein großes, brachliegendes Potential.

Und man/ich kann einen Schritt vorwärts machen, wenn das eigene Potential zuallererst bedacht wird. Das könnte mein Thema, mein Beitrag zum Stichwort Besserung des Menschen sein/werden.

Mein eigenes Leben, mein eigenes Scheitern. Da stecke ich drin im Kant´schen Ding-an-sich und kann mehr tun als interessiert und/oder ohnmächtig zuschauen. Leben, Fehler machen vor allem und daraus lernen, und irgendwann das Zeitliche segnen.

„Dichter seines Lebens sein", Lebenskünstler meinetwegen. Der junge Friedrich Nietzsche war näher dran am Menschen, als der, der ein Denkmal für die Ewigkeit schaffen wollte und sich an dieser Aufgabe verhoben hat. Aber schließlich haben wir Nachgeborenen die Chance, die er nicht mehr hatte oder nicht mehr nutzen konnte. Wir können aus diesem Scheitern lernen.

Seitenanfang

Die lieben Verwandten

Wer so sicher ist, dass es unsere Gene sind, die uns zum Menschen machen, der sollte konsequent sein und Menschenrechte, zumindest für Schimpansen, einfordern, deren Gene zu über 99% mit denen des Homo sapiens übereinstimmen. Oder genauso konsequent: Er kann auch darüber nachdenken, ob wir nicht zu 99% Affen sind. Das macht bescheiden und stößt uns vielleicht darauf, dass es nicht so ganz unwichtig ist, was ein Mensch aus seinen Möglichkeiten macht, machen kann, wenn er denn will. Und wie jämmerlich er dastehen kann, wenn er seine kurze Lebenszeit einfach nur verspielt.

Das soll jeder für sich entscheiden. Ein bisschen mehr Bescheidenheit gegenüber unseren Mitgeschöpfen stände uns aber gut zu Gesicht und würde das sapiens in der Benennung unserer Species weniger lächerlich erscheinen lassen. Ein vernünftig denkender Affe hätte uns diesen Namen sicher nicht gegeben. Man würde ihn auch nicht um Rat gefragt haben, so wenig, wie man die ausgegrenzten Minderheiten unter den Menschen um Rat fragt, wenn es um ihre Geschicke geht.

Die Zeit der Herrenmenschen ist nicht vorbei. Fragen Sie mal die Menschen, die bei dem großen Wettrennen abseits stehen, weil sie auf Krücken gehen, kein Fahrrad und kein Auto haben und schon gar kein Flugzeug. Ist der Homo sapiens weise? So gestellt, sicher eine unsinnige Frage. Vielleicht klug, wenn ich über mich selbst nachdenke, meine eigenen Möglichkeiten. Und da gibt es keinen Zweifel: Ich kann lernen, und nur darum geht es - immer.

Die, die solches Fragen für überflüssig halten, möchte ich daran erinnern, dass sie ja auch selbst zu 99% Affen sind.

Die hohe Übereinstimmung des genetischen Materials der Menschenaffen und des Menschen kann aber auch ein Anlass sein, darüber nachzudenken, ob Menschwerdung nicht doch etwas grundsätzlich anderes ist als die Realisierung eines genetischen Programms. Bei Verständigungsschwierigkeiten unter Menschen dürften die Gene immer noch das geringste Problem sein. Und das wäre wohl kaum einfacher, wenn unsere Gene »perfekt« wären, was immer das heißen mag. Gesteht man den Menschenaffen zu, dass sie einen Teil des Potentials zum Menschen in sich tragen, so müsste man einräumen, dass es sicher auch viele Menschen gibt, die dieses Potential wie ihre lieben Verwandten - aus welchen Gründen auch immer - nicht oder kaum nutzen.

Menschwerdung geschieht in der Ontogenese jedes mal neu, ein fantastisches Wunder der Selbstorganisation, das auch aus naturwissenschaftlicher Sicht durchaus als etwas Besonderes angesehen werden kann/muss. Es ist dieses menschliche Selbst, das so schwer in naturwissenschaftliche Formeln zu pressen ist und bei der Erschließung der genetischen Möglichkeiten viele Fragen offen hält. Man beachte den feinen Unterschied in der Wortwahl. Etwas Besonderes sein, das ist etwas Anderes als etwas Besseres sein bzw. sich dafür zu halten. Anderssein, Verstehen der Grenzen und Möglichkeiten dieses Andersseins. Ist das vielleicht ein Schlüssel zum Verstehen des Menschlichen? Über Qualität nach denken, statt über Quantitäten? »Messen was messbar ist und messbar machen, was nicht messbar ist.« Diese gnadenlose Erfolgsformel Galileis war der Startschuss zu einem beispiellosen Aufstieg der technischen Zivilisation. Bei der Frage nach dem Menschen hat sie uns aber kaum weitergebracht. Wir wissen eben wieder ein bisschen mehr darüber, was wir nicht sind. Eben keine Maschinen und Maschinchen, die man immer besser machen kann. Wir sind, wie wir sind: Ewige Prototypen der Evolution, die damit beschäftigt sind, ihre »Fehler« zu überwinden und neue zu erfinden. Und nicht immer weiß man vorher, ob Fehler wirklich Fehler sind. In diesem Bemühen erwarte ich Verbesserungen von guter Kleinkunst. Lernen können wir auch in dieser Hinsicht von der Natur, in der das Neue niemals monumental, sondern eher unauffällig und zunächst kaum beachtet auf den Plan tritt, immer in der Gefahr zu scheitern, sich bewähren muss.

Seitenanfang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seitenanfang

Leserbrief zu "Zersplittertes Ich", ZEIT Nr. 18, vom 26.04.2001

Psychiatrische Wissenschaft als

"Trutzburg reduktionistischen Denkens"

Die Veröffentlichungen zu einer reduktionistischen Erklärung von seelischen Störungen haben eines gemeinsam: Sie werfen mehr Fragen auf als sie beantworten.

Empirisch gesichert ist eigentlich nur, dass Menschen in besondere "seelische Zustände" geraten können, die sich bisher einer eindeutigen, rationalen Erklärung und kausalen Beeinflussung weitgehend entziehen. Dazu gehört auch die Beobachtung, dass solche Zustände sich (von selbst) wieder auflösen können. Ein progressiver Krankheitsverlauf der vermeintlichen "Stoffwechsel- oder einer organisch manifestierten Störung" wie bei Parkinson und Multipler Sklerose ist nicht einmal typisch, sondern eher die Ausnahme. Die langzeitige Einnahme von Neuroleptika und die Behandlung mit Elektroschocks produziert dagegen unzweifelhaft iatrogene Schäden, die möglicherweise gravierender sind als die Störung, die Anlaß für diese Behandlung war. Wer sich daran gewöhnt hat, in Krankheiten die "defekte Stoffwechselmaschine Mensch" zu sehen, kommt nicht nur beim Verständnis seelischer Störungen an Grenzen, die weniger durch die "Pathologie des Patienten" als durch die ideologischen Scheuklappen des reduktionistischen Denkens gezogen werden.

In der Physik, Chemie und anderen Forschungsdisziplinen, die sich mit unbelebten Systemen beschäftigen, breitet sich eine neue Sichtweise aus, in der "Komplexität" und das Phänomen der "Selbstorganisation" eine wichtige Rolle spielen. Auch in der organischen Medizin finden solche Modelle Eingang. Da ist es für mich fast peinlich, dass sich die psychiatrische Wissenschaft als Wissenschaft vom Menschen (mit dem sicher hochkomplexen Phänomen Geist) mehr und mehr zu einer "Trutzburg reduktionistischen Denkens" entwickelt (hat).

Der Zugang zum Verständnis seelischer Störungen führt nach meiner Auffassung über die komplexen Begriffe "Persönlichkeit" und "Selbst" eines Menschen. Diese können reduktionistisch nicht einmal gedacht werden, obwohl kaum jemand bestreiten dürfte, dass sie als komplexe (irreduzible) Ursachen die körperliche und seelische Verfassung eines Menschen beeinflussen. Und was ein Mensch nicht denken kann, das kann er auch nicht wahrnehmen. Entsprechend "unpersönlich" empfinden viele Patienten in unseren Psychiatrien ihre Be-handlung, die immer noch allzuoft zu einer Miß-handlung verunglückt.

Kalle Pehe, Mitglied im Bundesverband Psychiatrieerfahrener (BPE)

P.S. Dass dieser Leserbrief in der ZEIT nicht veröffentlicht wurde, ändert nichts daran, dass ich ihn weiterhin lesenswert finde und zum Glück gibt´s ja inzwischen auch noch das Internet). -Ende-

 

Seitenanfang

 

 

Implantat könnte Schizophrenie-Patienten für ein Jahr stabilisieren

aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Kalle Pehe

Implantat könnte Schizophrenie-Patienten für ein Jahr stabilisieren

Englisches Original (in der Tabellenspalte links) übersetzt

von Kalle Pehe

 

Die Leser dieses Artikels haben sich vielleicht gefragt, ob wir auf dieser Seite neuerdings technologische Lösungskonzepte für seelische Störungen verkaufen möchten. Nach dem Lesen der roten Kommentare sollte unsere Position dazu nicht länger zweifelhaft sein.

Eines der größten Probleme bei der Behandlung von Schizophrenie war immer, Patienten davon zu überzeugen an ihrer Medikation festzuhalten. Nun kommt man einer Lösung des Problems näher.

Wissenschaftler an der Schule für Medizin der Universität Pennsylvania haben eine implantierbare Vorrichtung entwickelt, die antipsychotische Medikamente für eine Dauer von 5 Monaten abgibt. Die Fortsetzung der Arbeiten läßt erwarten, dass sich die Funktionsdauer auf ein volles Jahr ausweiten läßt.

Euphemismus:

Wenn das Problem tatsächlich darin besteht, Menschen nicht überzeugen zu können, so ist das Implantat ganz bestimmt keine Lösung des Problems. Implantate überzeugen ja schließlich niemanden, im Gegenteil ersetzen sie Überzeugungsarbeit durch Technologie. Ein ehrliches Wort dafür wäre (Teil-) Entmündigung.

In ersten Laborstudien wurde sie erfolgreich getestet und weitere Untersuchungen (in Zusammenarbeit mit der Medizin. Schule der Universität Pittsburgh) laufen auf mögliche klinische Versuche zu.Die Ergebnisse der Kleinsäuger-Studien erscheinen in der normalen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Neuropsychopharmacology.

Ein entmündigter Patient müßte genausowenig nach seiner Einwilligung befragt werden wie die Ratten.

Wenn das Gerät in künftigen Versuchen am Menschen den Nachweis seiner Funktionstauglichkeit erbringen kann, bietet es eine medizinische Alternative, die vielen von Psychosen und sozialer Instabilität bedrohten Patienten helfen könnte

Ohne Zweifel wird es technisch einwandfrei funktionieren, aber nicht alles was technisch funktioniert, ist auch sinnvoll.

„Schizophrenie zerstört das individuelle Erleben von Realität, raubt dem Menschen die Identität und verwüstet seine Familie," sagt Steven Siegel, MD, PhD, von der Unterabteilung Neuropsychiatrie in Penn´s Psychiatrischer Abteilung. Dieses Gerät könnte die Gefahren vermindern, indem es medizinische Stabilität sicherstellt.

Dämonisierung der Schizophrenie

...soll die Akzeptanz schaffen für die als vergleichsweise harmlos dargestellten Nebenwirkungen der Neuroleptika.

Ich kenne viele Langzeitpatienten, die für jeden sichtbar durch Neuroleptika verwüstet sind.

„Patienten, die anti-psychotische Medikamente benötigen, unterschätzen oft die Schwere ihrer Erkrankung1), und setzen die zu Zeiten beeinträchtigter Urteilsfähigkeit2) die Medikamente ab. Aber für eine Mehrheit von Psychiatriepatienten gilt, dass sie bei Einnahme der geeigneten Medizin Perioden der Gesundung3) von psychotischen Symptomen erleben."

1.) s.o. Dämonisierung

...andere übertreiben sie, indem sie sie als vorschnell als unheilbar einstufen...

2) Sowenig wie die Verweigerung der Einnahme von Neuroleptika pauschal als Folge beeinträchtigter Urteilsfähigkeit gewertet werden kann, so wenig kann umgekehrt die Bereitschaft zur langzeitigen Einnahme von Neuroleptika automatisch als Zeichen für eine höhere Urteilsfähigkeit gewertet werden...

3) Für mich kann ich sicher sagen, dass ich trotz und nicht wegen der Neuroleptika eine gesunde Entwicklung geschafft habe (nicht nur Perioden)...

Siegel sagt weiter: „Der Vorteil, sich auf ein Implantat anti-psychotischer Medikamente verlassen zu können, ist, dass Patienten während Phasen relativer Gesundheit Entscheidungen über die weitere Behandlung treffen können. Falls sich ein medizinischer Grund ergibt, die Behandlung abzukürzen, kann das Implantat leicht wieder entfernt werden."

Unter Neuroleptika ist ein Mensch kaum zu Widerspruchsgeist fähig, den ich als Basis mündiger Entscheidungen ansehe. Mündigkeit und Psychiatrie vertragen sich etwa so gut wie Knoblauch und Vampire

Die lieferbare Vorrichtung besteht aus einer operativ-implantierbaren Disc, die aus biologisch abbaubaren Polymeren (einer Kette verknüpfter Moleküle) gefertigt ist, die mit dem Medikament kombiniert werden. In den Versuchen wurde das traditionelle Anti-Psychotikum Haloperidol verwendet. Die Discs sind so hergestelltt, dass sich der jeweils verwendete Polymertyp mit einer bestimmten Rate zersetzt, so dass die exakt pro Tag vorgegebene Menge des Medikaments über einen Zeitraum bis zu einem Jahr ins Blut abgegeben wird.

Etwa von der Größe einer Geldmünze (25Cent) wird die Vorrichtung mit einem einfachen chirugischen Eingriff unter der Haut befestigt. Gemäß Siegel kann das Ganze in etwa 15 Minuten (auch die Entfernung) unter lokaler Betäubung durchgeführt werden.

Die Technologie finde ich durchaus interessant und ist für bestimmte Medikamente sicher ganz praktisch und ethisch vertretbar. In der Kombination mit Neuroleptika liegt die Gefahr, sie zur Disziplinierung von Menschen zu mißbrauchen, aber allzuoffen vor uns.

 

Ich lehne es deshalb rundweg ab, sie zur Verabreichung von Neuroleptika einzusetzen.

 

Neuroleptika sind schließlich keine körpereigenen Stoffe, die bei bestimmten Erkrankungen zugeführt werden müssen.

 

Der Vergleich, Psychotiker brauchen Neuroleptika so wie ein Diabetiker Insulin, kommt deshalb auf „Wackelbeinchen" daher, und ist höchst manipulativ

Weitere ForscherInnen, die bei dem Projekt mitwirken, sind:

Karen I. Winey, PhD, Department of Materials Science and Engineering; Raquel Gur, MD, PhD, and Robert H. Lenox, MD, Department of Psychiatry; Warren B. Bilker, PhD, Department of Biostatistics and Epidemiology, and Debbie Ikeda, Neel Gandhi, and Wen-Xiao Zhang, MS, also of Psychiatry.

Siegel´s Arbeit wird unterstützt von der Stanley Foundation, einer Lobby-Organisation für Familien mit Angehörigen, die von Schizophrenie betroffen sind. Er wurde zum Leiter des neugebildeten Stanley Center für Experimentelle Therapie in der Psychiatrie am Penn ernannt. Ein Patentverfahren läuft noch.

Geschrieben von Ellen O`Brien

Originalquelle in Englisch:

Daily University Science News May 30, 2002:

abzurufen unter:

http://unisci.com/stories/20022/0530024.htm

 

Die Pharmaindustrie weiß sehr wohl, dass sie diese Technologie ohne die Zustimmung der Angehörigenverbände nicht am Markt unterbringen kann. Und zur Not baut sie sich halt eigene Verbände auf. Ist dann ein bisschen teurer, aber die Investitionen kommen rasch wieder rein.

 

Ganz wichtig für mich: Ich bezweifle nicht, dass wir als Betroffene Lösungen finden müssen, mit denen auch unsere Angehörigen leben können. Das ist leichter möglich, wenn beide Seiten ihre Unabhängigkeit und Mündigkeit gegenüber verschiedenen Interessengruppen wahren/wiederherstellen...

Und es ist auch klar, dass mündige Bürger immer ein bisschen stören. Hat nichts mit Krankheit zu tun, sondern mit Gesundheit.

 

Kalle Pehe

Seitenanfang

 

 

 

 

Seitenanfang