Ikarus
fliegt wieder - Neuorganisation nach seelischen Krisen ist möglich von Kalle Pehe, April 2008 |
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Dass Menschen in eine bedrohliche Lage geraten können und gefordert sind, all ihre Kräfte aufzubieten, um sich daraus zu befreien, ist eine Erfahrung, die so alt ist wie die Menschheit. Die Idee, dass Mensch sich dabei nicht nur auf einen kräftigen Körper, sondern auch auf seinen Geist verlassen kann, war das zentrale Thema der Aufklärung. Die konnte auf Motive der griechischen Mythologie zurückgreifen und sie literarisch und philosophisch verarbeiten. Auch Religionen bauen auf mythischem Grund. Der listenreiche Odysseus, der sich seines Verstandes bediente und so überlebte, kann als Vorläufer des aufgeklärten Menschen gesehen werden, der jede Aufgabe lösen kann,wenn man ihm nur genug Zeit dafür lässt. Auf der Insel der Nymphe Kalypso brachte er allein 7 Jahre zu, bis er mit der Hilfe höherer Mächte frei kam. Ich erinnere mich an die Faszination, die ich als Kind beim Lesen der Odyssee empfunden habe. Menschen machen weiterhin Erfahrungen und lernen daraus (oder nicht). Wir können über unsere biologische Natur und uns selbst als Person immer wieder hinauswachsen. Das unterscheidet uns von den Tieren. Mit diesen verbindet uns eine gemeinsame Herkunft, die uns Grenzen setzt, zugleich aber unendliche geistige Möglichkeiten schafft. Der Mensch kann sich als einziges Lebewesen in jedem Individuum immer wieder neu erschaffen und als Person (und Gattungswesen) weiter-entwickeln. Erfahrungen mit dem Scheitern und andere Grenzerfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Berichte darüber bietet unser kulturelles Erbe zuhauf. Drachen und Zauberer, böse und gute Geister bevölkern die Fantasie der Menschen seit Urzeiten. Sie verbildlichen unsere Ängste und Hoffnungen. 150 Jahre industrielle Revolution haben daran grundsätzlich nichts geändert. Immer noch sind wir fasziniert von Geschichten, in denen es besonders bunt und geist(er)reich zugeht. Der Erfolg von „Harry Potter“ ist ein frischer Beleg für diese Feststellung. Von den „modernen Mythen“ haben mich „Der Herr der Ringe“ von Tolkien, „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende besonders angesprochen. Warum
schreibe ich darüber in einer Fachzeitschrift
für Sozialpsychiatrie? Man hat mich gebeten aufzuschreiben,
was sich aus Betroffenensicht in der Psychiatrie ändern
müsse. Vorweg deshalb ein paar Bemerkungen zu meinen
Erfahrungen mit Psychiatrie. Ich habe Grenzerfahrungen gemacht,
die vieles gemeinsam haben mit den Geschichten, von denen
in der Odyssee die Rede ist. Knapp vierzigjährig fühlte
ich mich berufen, den bevorstehenden ersten Golfkrieg im
Jahre 1990/91 nach dem Ultimatum des George W. Bush an Sadam
Hussein noch zu verhindern, was mir - wie Sie wissen - nicht
gelungen ist. Die Dimension des Problems war von der Art,
wie sie in Märchen als „Drachen“ beschrieben
sind., also mehrere Nummern zu groß für ein Schulmeisterlein
(Physik-Biologie am Gymnasium), das sich tapfer, wenn auch
recht naiv - wie ich heute weiß -, an dieser Aufgabe
versuchte. Das Schicksal wollte es, dass ich dabei urplötzlich
unglaubliche Kräfte entwickelte. Es
war, als seien mir Flügel gewachsen, mit denen ich überall
hinfliegen konnte. Nachvollziehbar, dass mein Gefühlsleben
eine Intensität bekam, die ich nie zuvor erlebt hatte.
Alles schien möglich. Ich glaubte, in drei Monaten (solange
dauerte das Ultimatum) alle Probleme der Welt friedlich lösen
zu können. Ikarus hatte sich von seiner Insel erhoben
und steuerte geradewegs auf die Sonne zu. Ich hätte mir eine Flugschule gewünscht, in der ein unerfahrener Ikarus lernen kann, seine Flügel kontrolliert zu gebrauchen. In der Psychiatrie erklärte man die Flügel zum Problem, deren Gebrauch ich in der Tat nicht beherrschte. Dass ich ihn erlernen könne, versuchte man mir auszureden. Reine Träumerei, die vor den biologischen Fakten nicht bestehen kann. Medikamente würden mich vor lebensgefährlichen Abstürzen bewahren. Denn, wer nicht fliegen kann, der kann auch nicht abstürzen, so die Logik. Mit ärztlicher Hilfe könne ich bald wieder in ein „normales“ Leben (was ist das?) zurückkehren. Hoffnung, gegründet auf moderne Medikamente, ja, das sei realistisch. Wozu Flügel? Als die Geschichte vom Ikarus aufgeschrieben wurde, gab es noch kein Haldol. Jemand schrieb sie nieder, der daran glaubte, dass Menschen daraus lernen können. Ist es Fortschritt, wenn Fachleute genau daran immer weniger glauben? Ich freue mich darüber, dass sie gefährliche Hirntumore operativ entfernen, Knochen reparieren und Herzen stimulieren können, die nicht mehr zuverlässig schlagen wollen. All das ist Fortschritt. Was bedeutet Fortschritt in der Psychiatrie? Neue, bessere Medikamente? - Wer von moderner Technologie alles, vom Menschen aber wenig bis nichts erwartet und das für Realismus hält (so habe ich´s erlebt), der ist eigentlich selber arm dran und braucht Hilfe. So sehe ich das heute. Das, was ich gebraucht habe, haben mir Menschen wie Dorothea Buck gegeben, nicht die Psychiatrie: Ermutigung, authentische Erfahrungen mit dem Scheitern und Wiederaufstehen. Ein paar
Worte zu meiner Person. Ich bin aktiver Lehrer für
Physik und Biologie an einem Krefelder Gymnasium und ein
Exempel für das, was seit einiger Zeit in der
Psychiatrie unter dem Schlagwort Recovery diskutiert wird.
1990 diagnostiziert als „manisch-depressiv“ (heute „bipolar“),
lebe ich seit nunmehr 10 Jahren symptomfrei und integriert
in Familie und Beruf. Seit 17 Jahren leite ich die Selbsthilfegruppe „Mut
zum Anderssein“ und ein Psychoseseminar, wie es von
Thomas Bock und Dorothea Buck erstmals in Hamburg konzipiert
und durchgeführt wurde. Vor die Aufgabe gestellt, mir
selbst zu helfen, weil mir „ein Leben mit der Krankheit“ (so
die Perspektive für mich in der Psychiatrie) wenig attraktiv
erschien, habe ich alles Mögliche gelesen (vor allem
Biografien) und daraufhin abgeklopft, ob es mir bei der Verarbeitung
meiner Erlebnisse helfen kann. Fündig wurde ich bei
Dorothea Buck und anderen Betroffenen, deren Erfahrungen
mich weiter brachten. In den Naturwissenschaften stieß ich
auf Chaosforschung und Spieltheorie, über die ich mir
einen anderen Zugang zu einem nicht pathologisierenden Verständnis
seelischer Abläufe verschaffte. Ich profitierte von
der Hermeneutik, über die ich bei Gadamer gelesen habe
und der Stresstheorie des Neurobiologen Gerald Hüther.
Adolf Portmann zeigte mir einen Platz für die Seele
in einer entseelenden (das macht ihre Methode aus!) Naturwissenschaft.
Albert Schweitzer stieß mich auf die Ehrfurcht
vor dem Leben. Bei Erich Fromm verstand ich das Wesen der
menschlichen Destruktivität und den Unterschied zwischen Optimismus und Zuversicht. Die mir durch meine Krisen gestellten Aufgaben
habe ich inzwischen gelöst, so dass weitere vorerst
nicht mehr nötig sind. Die Welt ist auch ohne mich krisenhaft
genug. (Vielleicht vermeidbare) Kriege werden die Menschen
auch künftig beschäftigen - und hoffentlich früh
genug „auf die Palmen“ bringen. Der Satz „Habe
den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen,“ mit
dem Kant ein neues Zeitalter einläutete, hat mich an
einem Ort erreicht, den ich damals als von (fast) allen guten
Geistern verlassen erlebt habe. Er stand am Beginn meiner
Recovery-Reise, die inzwischen in ruhigeren Gewässern
weitergeht. Fachleute, die dies lesen, sollen wissen, dass
ich Recovery in den von ihnen verantworteten Institutionen
nur subversiv leben konnte. Als jemand, der seinen Weg ohne
die als unverzichtbar geltenden Psychopharmaka gehen wollte
und gegangen ist, galt ich lange als Gefahr für andere
Patienten, die durch mich nur auf „dumme Gedanken“ kämen.
Mittlerweile ist klar, dass ich
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