Nachruf auf Loren R. Mosher


Artikel in der WASHINGTON POST
Oppositioneller Psychiater Loren Mosher, 70
von Adam Bernstein
Tuesday, July 20, 2004; Page B06, (übersetzt von Kalle Pehe)

Loren Mosher, 3. September, 1933 — 10. Juli, 2004

Loren R. Mosher, 70, der am 10. Juli in einer Berliner Klinik an Leberkrebs gestorben ist, war ein opponierender Psychiater und Experte für Schizophrenie, der vom Staatlichen Instituts für Seelische Gesundheit (NIMH) wegen seiner kontroversen Theorien zur Behandlung seelischer Störungen entlassen wurde. Während seiner Tätigkeit als Leiter des NIMH Zentrums für Schizophrenieforschung von 1968 bis 1980 tadelte Dr. Mosher den exzessiven Psychopharmakaeinsatz zur Behandlung seelischer Störungen und den dominierenden Einfluss der Pharmakonzerne auf die Berufsverbände. Große Therapiezentren wie das St. Elizabeth Hospital hätte er am liebsten dem Erdboden gleich gemacht.

Er setzte sich für eine weitgehend medikamentenfreie Therapie Schizophrener ein, was nach wie vor der herrschenden Vorstellung zum Gebrauch antipsychotischer Substanzen (repräsentiert durch die APA) in den Vereinigten Staaten widerspricht. Seine Haltung ist bestimmt von der Auffassung, dass an Schizophrenie Erkrankte gequälte Seelen sind, die eine emotional aufbauende Umgebung benötigen, um gesund zu werden. Er sagte, dass Medikamente fast immer entbehrlich seien, ausgenommen bei Episoden, in denen die Gefahr der Gewaltanwendung besteht oder ein Suizid droht.

Er schuf kleine, medikamentenfreie Behandlungsmöglichkeiten, die mehr einem Zuhause glichen als einem Krankenhaus. Seine jungen Pflegekräfte lebten in einem dieser Zentren, dem Soteria Haus in San Jose, mit einer kleinen Gruppe von Patienten zusammen und teilten sich die Hausarbeit mit Ihnen. "Die Idee war, dass Schizophrenie mit Hilfe tragender Beziehungen eher zu überwinden ist als durch Medikamente und dass diese Art der Behandlung zu einer unzweifelhaft besseren Lebensqualität führt," schrieb Dr. Mosher einst. Zuletzt stellte er im Jahr 2002 fest, dass 85 bis 90 Prozent seiner Klienten ohne konventionelle Krankenhausbehandlung in die Gesellschaft zurückkehrten.

1998 trat Dr. Mosher aus der APA (Amerikanischer Psychiatrie Verband) aus, den er ein "Schoßhündchen der Pharmaindustrie" nannte. "Der Hauptgrund für meinen Austritt ist meine Überzeugung, dass ich mich eigentlich aus dem Amerikanischen Psychopharmaka-Verband zurückziehe," schrieb er in seinem Rücktrittsbrief. "Glücklicherweise erfordert die tatsächliche Identität der Organisation keine Änderung in der Abkürzung des Verbandsnamens. Was diesen Punkt betrifft, sehe ich es so, dass die Psychiatrie heute fast vollständig von den Pharmakonzernen aufgekauft worden ist."

(hier ein externer Link zur Austrittserklärung aus der APA)

http://www.psychiatriegespraech.de/texte/pol_001.php

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Loren Richard Mosher wurde in Monterey, Kalifornien, geboren. Er war 9 Jahre alt, als seine Mutter an Brustkrebs verstarb und wuchs danach bei verschiedenen Verwandten auf. Als junger Mann arbeitete er auf den Ölfeldern des Amerikanischen Westens, angeblich, um Geld für das Medizinstudium zu verdienen. Was zunächst eine Ausflucht war, so sagte er, wurde dann rasch zur Wirklichkeit, als seine Mitarbeiter den vermeintlichen Aspiranten der Medizin um Hilfe bei Erkältungen und Geschlechtskrankheiten angingen. Nachdem er seine medizinischen Examen an den Universitäten Stanford und Harvard abgelegt hatte, nahm er 1964 seine Tätigkeit am NIMH auf. Bei seinen ersten Forschungsarbeiten zur Schizophrenie untersuchte er u.a. eineiige Zwillinge ein, von denen einer an Schizophrenie erkrankt war und der andere aber nicht. Seine Forschungsergebnisse betonten die "psychosozialen" Faktoren, die seiner Auffassung nach dafür verantwortlich sind, dass sich bei dem einen Symptome entwickelten, während der andere offensichtlich unauffällig blieb. Die Gründung eines Soteria-Hauses in den frühen 1970er Jahren führte
zur wachsenden Belastung seiners Beziehungen zur (etablierten) Psychiatrischen Gemeinschaft. Nachdem Studien zur Genesung im Vergleich zur herkömmlichen medikamentösen Behandlung veröffentlich wurden, stellte man sein Projekt durch Entzug der finanziellen Mittel auf ein totes Gleis.

Ebenso erging es einem weiteren Behandlungszentrum in San Jose. "1980 wurde ich obendrein noch meiner Funktionen (u.a. am NIMH) enthoben," schrieb er. "All dies ereignete sich wegen meiner standhaften Kritik an dem übertriebenen Einsatz von Medikamenten und bedeutete eine Missachtung medikamentenfreier psychologischer Interventionen in der Behandlung psychologischer Störungen." Dann lehrte er Psychiatrie an der Uniformed Services University für Gesundheitswissenschaft in Bethesda und wurde Leiter der allg. Behörde für seelische Gesundheit in Montgomery.

Er gründete ein Krisenhaus in Rockville, McAuliffe-Haus genannt, das auf Soteria-Prinzipien aufbaute. Er war ein äußerst produktiver Mitarbeiter von wissenschaftlichen Fachzeitschriften und war an mehreren Büchern beteiligt, u.a. "Community Mental Health: A Practical Guide" (1994). Während des Ritalin-Phänomens in den 90er Jahren, trat er des öfteren als Vertreter einer kritischen Sichtweise an die Öffentlichkeit. "Wenn du eine Lüge oft genug wiederholst, wird sie zur Wahrheit", sagte er mit Blick auf den propagierten Medikamenteneinsatz. 1996 zog Dr. Mosher von Washington nach San Diego um.

Zum Zeitpunkt seines Todes war er klinischer Professor für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität von Kalifornien in San Diego und hielt sich wegen einer Behandlung einer Krebserkrankung Berlin auf. Seine Ehe mit Irene Carleton Mosher wurde geschieden. Er hinterlässt seine Ehefrau, mit der er 16 Jahre verheiratet war, Judy Schreiber, drei Kinder aus erster Ehe, Hal Mosher aus Fairfax in Kalifornien, Tim Mosher und Heather(?) "Missy" Galanida, beide aus Los Angeles, sowie zwei Brüder und eine Enkelin.

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Englischsprachiges Original unter:
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A63107-2004Jul19.html
(Man muss sich da wohl registrieren, um den Artikel im Original lesen
zu können.)

 

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