Acht Jahre lernen, lernen ...

von Kalle Pehe 

"Acht Jahre lernen, lernen, lernen ..." - und siehe da es geht! Ein Lehrer macht anderen Betroffenen Mut, eigene Wege zu gehen, auszuprobieren, wenn´s auf den Autobahnen der Ideologien nicht vorwärts geht

Komme gerade aus der Schule, wo ich als Lehrer für Biologie und Physik recht unkonventionell Naturwissenschaft treibe. Heute ist Freitag, an dem ich meine Wochenarbeit mit einem kleinen Gitarrenkurs beschlossen habe. Acht Kinder um die zwölf Jahre sind mit Begeisterung dabei. Mein Beruf macht mir viel Freude. Kinder, Eltern und Kollegen haben sich inzwischen an mich gewöhnt und lassen mich machen. Bürokraten lassen mich auch in Ruhe. Zu Hause eine Familie mit drei lebendigen, selbstbewußten Kindern und "ganz normalen" Reibungsflächen. Da brennt nichts an. Im Gegenteil, auch hier gute Stimmung, gute Perspektiven für alle Beteiligten. Wir schreiben das Jahr 1999. Ehekrise? Das war einmal.

 

Rückblick: November 1990

George Bush hat Sadam Hussein gerade ein Ultimatum gestellt: "In drei Monaten raus aus Kuwait oder es gibt Krieg." Krieg. Und das so kurz nach Beendigung der Ost-West-Konfrontation, die dieses Jahrhundert bestimmt hat. Jähes Ende aller Hoffnungen auf eine gerechtere Welt-Ordnung, auf eine friedlichere Zukunft auf diesem Planeten. Mich wühlt das so auf, dass ich mich aufgerufen sehe, alle Kräfte aufzubieten, diesen Krieg noch zu verhindern. Abflug. Kein Halten mehr. Nach einer Woche "Powern" ohne Ende holt mich eine kleine "Truppe" vom Ordnungsamt per Krankenwagen auf die Erde zurück. Zwangseinweisung. Meine Frau wußte sich nicht mehr anders zu helfen. Totaler Zusammenbruch meiner Persönlichkeit. Nichts geht mehr. Ich bin "gestorben" in einem "Grande Finale" der Gefühle. Strohfeuer und schließlich nur noch - Asche.

 

Mein Kopf, ein "Turbo" ...

Zwischen diesen beiden Momentaufnahmen liegen neun Jahre, die es in sich hatten. Hoffnung und Verzweiflung bestimmten lange mein Gefühlsleben. Die Verzweiflung trieb mich immer wieder zu Aktivitäten. Ausprobieren. Scheitern. Neu beginnen, wieder ein Absturz. Ich komme nicht von der Stelle. Es kommt keine Ruhe in mein Leben. Mein Kopf, ein "Turbo", der sich nicht abstellen läßt und immer in der Gefahr ist durchzudrehen. Immer wieder komme ich in Situationen, in denen mir alles über den Kopf wächst, innere Unruhe sich allmählich steigert, ohne dass ich das beeinflussen kann.

 

Vermeintliches Schicksal akzeptieren?

Haben die Psychiater recht, die von einem endogenen Krankheitsgeschehen sprechen, Folge eines gestörten Stoffwechsels? Manchmal bin ich nahe dran, es zu glauben und mein vermeintliches Schicksal zu akzeptieren: Leben auf kleiner Flamme. Leidlich funktionieren, nicht allzusehr auffallen, nicht allzusehr anecken, nicht allzugroße Pläne schmieden, sich arrangieren, Tabletten schlucken. Ich spiele das immer wieder durch. Meine Lebensqualität ist so miserabel (mit und ohne Medikamente, das macht keinen großen Unterschied), dass es mir zeitweise sinnlos erscheint, Anstrengungen zu unternehmen, diese Art Existenz überhaupt aufrecht zu erhalten. Auch bei ehemaligen Mitpatienten erlebe ich, wie sie über Jahre immer wieder "auf der Nase liegen". Aber da ist ein Zweifel, genährt aus meiner naturwissenschaftlichen Bildung. Die Rückführung von natürlichen Phänomenen auf materielle Ursachen z.B. in der Biologie, wie sie durch eine materialistisch-reduktionistische Wissenschaft angestrebt wird, hat mich nie ganz überzeugen können. Die Biologie Adolf Portmanns, des großen Baseler Zoologen, gibt mir wertvolle Anstöße, dieses Erklärungsmuster - so unbestreitbar erfolgreich es war - in seinem Anspruch auf Allgemeingültigkeit in Frage zu stellen. Fritjof Capra, Ilya Prigogine regen mich an, mir über die Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften Gedanken zu machen. Da entdecke ich "offenes" Gelände in der deterministischen Welt Newtons. Ich beginne, mich mit der Chaosforschung zu beschäftigen. Auch hier offenes Gelände, nicht deterministisch, aber von überraschenden Ordnungsstrukturen durchsetzt, die mit den üblichen Erklärungsmustern nicht zu erfassen sind. Ich schöpfe Mut, mich von der konventionellen Sicht seelischer Störungen langsam frei zu machen. Ein "gestörter Stoffwechselautomat"? Nur ein Bild. Ich bin das nicht.

 

Psychosen sind eine Sprache der Seele

Im richtigen Augenblick treffe ich auf Dorothea Buck, deren erfahrungsbedingte Sicht von Psychosen mich sofort fasziniert und - mir Hoffnung macht, vielleicht doch selbst etwas an meiner Situation ändern zu können. Ich fühle mich als Person ernstgenommen, meine Selbstzweifel werden geringer, die Zweifel an den herrschenden Paradigmen in der Psychiatrie größer. Paradox: Eine Betroffene vertritt Ansichten, die im Einklang sind mit einer modernen naturwissenschaftlichen Sicht der Welt und des Menschen. Die psychiatrische Wissenschaft sieht da eher "alt" aus. Für einen "Irren" ist es aber nicht leicht, mit solchen Ansichten ernstgenommen zu werden. Ich vermeide es, in die Sackgasse zu rennen, unbedingt von unseren Fachleuten anerkannt werden zu wollen. Es genügt mir, dass ich mit mir Selbst im Reinen bin. Sonst wäre ich wohl nie zur Ruhe gekommen. "Psychosen sind eine Sprache der Seele. Heilung geschieht durch Verstehen dieser Sprache," so Dorothea Buck bei ihrem Vortrag in Krefeld. Der Gedanke ermöglicht mir einen neuen Anfang bei der Verarbeitung meiner Erfahrungen. Da zählt die Eigeninitiative wieder, da gibt es Neues zu entdecken, da kann der Mensch seine Würde wiederfinden. Er erweist sich als der gesuchte Schlüssel, der verborgene Zusammenhänge aufschließt, die Dinge um mich herum verständlicher macht. Frau Buck hat mich für den BPE geworben, den ich zunächst als genauso chaotisch erlebt habe wie mich selbst. Er hat mir seinerzeit zusätzliche Belastungen gebracht, aber auch viele wertvolle Freundschaften, die nicht mehr von der gemeinsamen Arbeit im Verband abhängen. Man mag sich einfach und versteht sich. Nicht immer, aber immer öfter.

 

Meine guten Phasen werden länger

In meinem Turbo ist jetzt zeitweise Ruhe. Er produziert nun Ideen, die die Spannungen lösen, statt sie wie bisher immer wieder aufzuheizen. Meine guten Phasen werden länger, nur noch gelegentlich von depressiven Abstürzen unterbrochen. Licht am Horizont. Ich habe etwas in der Hand, das mir gestattet, allmählich ein anderes Welt- und Menschenbild an die Stelle des alten zu setzen. Es reicht mir inzwischen, dass ich das selbst verstehe. Ich stehe nicht mehr so unter Druck, dafür Zustimmung von anderen einfordern zu müssen. Und das nimmt den Druck von den Menschen, mit denen ich täglich zusammen bin. Ihre Abwehr kann sich langsam in Neugier verwandeln. Ich werde nach Jahren der Verunsicherung wieder attraktiv für meine Mitmenschen.

 

Rückblick

Heute bin ich überzeugt, dass ich lediglich eine schwere Lebens- und Rollenkrise durchlaufen habe, die prinzipiell lösbar ist. Die stigmatisierenden medizinischen Etiketten erscheinen mir zunehmend als Vorurteile mit "wissenschaftlichem" Zertifikat. Die Krise ist ein biographisches Phänomen, die auch biographisch lösbar ist. Ich bin heute ein anderer Mensch, und meine Lebensqualität, ausgedrückt in Berufszufriedenheit und einem gesunden privaten Umfeld, war nie größer. Psychiater hat mein individueller Weg bisher nicht interessiert. Sie sehen mich, so scheint´s, als Kuriosität. Eher störend. Ich bedrohe ihr medizinisches Krankeitskonzept. "Der nimmt keinerlei Medikamente und ist ein geachteter Lehrer an seiner Schule. Nicht auszudenken, wenn sich das herumspricht." Und es spricht sich herum, zumindest in Krefeld.

Meine ersten Gesprächspartner sind andere Betroffene in der Selbsthilfegruppe sowie Angehörige, die das von uns initiierte Psychose-Seminar gut angenommen haben. Tenor: "Das macht Hoffnung." So ist es. Meine neue Rolle in Krefeld ist solide gewachsen und entwickelt sich stetig weiter. In mir hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Und der wirkt äußerst ansteckend, da ich als gutgelaunter, kreativer Mensch mit Geduld mein bester Werbeträger bin.

 

Mut zum Anderssein

Aus Erfahrung kann ich heute sagen: Selbsthilfe vermag mehr, als man ihr in Fachkreisen gemeinhin zutraut. Und damit möchte ich anderen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen Mut machen, ihrerseits eigene Wege auszuprobieren, wenn´s auf den "Autobahnen der Ideologien" nicht vorwärts geht. "Mut zum Anderssein" ist Name und Motto unserer Selbsthilfegruppe für seelische Gesundheit in Krefeld, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, übrigens nicht nur bei ehemaligen Psychiatriepatienten.