Dr. J. Brandenburg,

Psychose-Netzwerk Köln & Umgebung im Bundesverband Psychiatrieerfahrener
Carl-Schurz-Str. 14, 50935 Köln
Tel.: 0221-466763
e-mail: Jo.Brandenburg@t-online.de
LVR-Tagung Köln 7.7.2004

Wie wünschen sich Betroffene das SPZ der Zukunft?


Zur Person: Ich bin Lehrer an einem Kölner Gymnasium, verheiratet, 4 Kinder. Vor gut acht Jahren hatte ich eine Psychose, wurde mehrfach zwangseingewiesen und habe ein gutes Viertel Jahr in psychiatrischen Anstalten verbracht. Dabei und danach habe ich die Selbsthilfe kennen und schätzen gelernt. Seitdem engagiere ich mich in der Selbsthilfe und arbeite in psychiatriepolitischen Gremien mit.

Die Arbeitsstatistik über Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen stimmt uns traurig: Nach dem im Jahr 2001 vorgelegten Armutsbericht der Bundesregierung sind von den Menschen mit psychischen Erkrankungen insgesamt nur wenig mehr als die Hälfte erwerbstätig (wobei auch die Tätigkeit als Hausfrau zur Erwerbstätigkeit gezählt wurde) oder in Ausbildung und rund 43 % aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Noch dramatischer sieht die Beschäftigungsbilanz bei chronisch psychisch erkrankten Menschen aus: Maximal 10 % von ihnen sind auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (voll- oder teilzeit)beschäftigt, rund 20 % haben einen beschützten Arbeitsplatz in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), etwa 5 % nutzen Angebote zum beruflichen Training bzw. zur beruflichen Rehabilitation, und rund 15 % nutzen Hilfen zur Tagesgestaltung und haben damit Beschäftigungsmöglichkeiten. Umgekehrt: Die Hälfte aller chronisch psychisch Kranken Menschen lebt ohne ein professionell organisiertes Arbeits- oder Beschäftigungsangebot.

Ich hatte das Glück, als Beamter meinen Arbeitsplatz trotz meiner vier Klinikaufenthalte zu behalten. In der Regel jedoch heißt arbeiten für uns Betroffene, aus der normalen Arbeitswelt ausgegliedert zu sein. Die häufigste Lösung ist die Frühberentung oder Arbeitslosigkeit. Menschen, die in jungen Jahren erkranken, haben meist keine Chance, einen Beruf zu erlernen. Sie kommen aus der Tagesstätte nicht heraus, und das höchste Ziel ist dann die Mitarbeit in einer WfbM, in der sie dann Jahrzehnte lang Schrauben zählen oder ähnlich stupide Arbeiten tun dürfen.

Kommt ein Mensch im Rheinland aus dem seelischen und damit auch aus dem beruflichen Gleichgewicht, kommt er für ein paar Wochen in eine Psychiatrische Klinik und ist damit häufig aus dem Erwerbsleben ausgegliedert. Von den Ärzten der Klinik bekommt er Medikamente, die die Symptome der Krankheit bekämpfen und wichtige Gehirnfunktionen beeinträchtigen. Diese Medikamente tragen mit dazu bei, dass der Versuch, ihn mit hohem personellen und finanziellen Aufwand wieder in das Erwerbsleben zu integrieren, allzu oft misslingt. Wir freuen uns, wenn die Kliniken sich die Mühe machen, für ihre berufstätigen PatientInnen im Kontakt mit den örtlichen psychosozialen Fachdiensten Maßnahmen zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes einzuleiten. Oft sind diese Dienste jedoch völlig fixiert auf eine möglichst frühzeitige Wiedereingliederung und versäumen es, Hilfestellungen zu geben bei einer grundlegenden Neuorganisation der Persönlichkeit. Besonders dann, wenn die Situation am Arbeitsplatz mit ein Auslöser für die psychotische Krise war, wird dieser Mensch dann umso schneller zum Drehtür-Patienten.

Jüngeren Patienten werden gerne die Berufsbildungszentren empfohlen. Sie sind meist weit weg vom Wohnort. Neben der oft harten Ausbildung fällt der junge Mensch aus seiner gewohnten Umgebung, und damit aus seinem sozialen Netz heraus. Und viele Absolventen mit gutem Abschluss finden anschließend keinen Arbeitsplatz. Hier fehlen wohnortnahe  ambulante Projekte, wie sie auch von der BAR (Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation ) und dem BMGS-Arbeitskreis  zur Weiterentwickling der Psychiatrischen Versorgung gefordert werden. Dringend notwendig ist es, dass die Integrationsfachdienste die Unternehmen, in denen Praktika abgeleistet werden, zielgerichteter im Hinblick auf Ressourcen und Qualifikation der Betroffenen auswählen und besser im Hinblick auf einen sinnvollen Einsatz der Praktikanten beraten. Häufig werden Betroffene bei ihren Arbeitsversuchen weit unter Ihrer Qualifikation eingesetzt, fühlen sich hierdurch diskriminert und unterfordert und werden deshalb wieder krank, wodurch der Arbeitsversuch als gescheitert angesehen und die Frührente beantragt wird. Oft werden Rehamaßnahmen viel zu früh angesetzt, ohne den Boden solide bereitet zu haben, so dass der nächste Misserfolg schon vorprogrammiert ist. Viele Menschen brauchen erst eine gewisse Auszeit, um überhaupt mal neue Möglichkeiten in Betracht ziehen zu können. Diese notwendige Besinnungsphase sollte man nicht mit hektischen Aktivitäten erschlagen, die vielleicht gut gemeint sind, aber nicht den Kern der Sache treffen. Der Mensch macht dann im Grunde doch wieder im alten Trott weiter, funktioniert wieder und – reagiert rasch erneut mit Symptomen.


Welche Hilfen kann nun das SPZ zur Erhaltung oder Schaffung von Arbeit für Menschen
in seelischen Krisen geben?

Den personenzentrierten Ansatz ernst nehmen heißt, Menschen in seelischen Notlagen wenn es irgend geht, nicht in eine Klinik einzuweisen, sondern die Hilfen direkt am Ort des Geschehens - in der Familie oder am Arbeitsplatz - zu geben. So sollten die SPZs der Zukunft arbeiten:

Bei einer Krise kommt nicht die Ordnungsbehörde mit einer Zwangseinweisung, sondern das Krisenteam des SPZs und berät zusammen mit dem Betroffenen und den Angehörigen oder Arbeitskollegen die notwendigen Hilfen und organisiert sie vor Ort. Wichtig dabei ist, dass das Krisenteam mit alle Beteiligten in aller Ruhe die Ursachen der seelischen Störungen beleuchtet und Wahlmöglichkeiten für die Beteiligten aufzeigt. Sollte das Team es nicht schaffen, den Betroffenen so weit zu stabilisieren, dass er zu Hause bleiben kann, kommt er für die Nacht ins Krisenbett des SPZs und kann - wenn es gut geht - am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen. Wenn ein gewisser Abstand von dem problematischen Umfeld hilfreich erscheint, muss ein Klinik-Aufenthalt in Betracht gezogen werden, aber wenn irgend möglich im Konsens aller Beteiligten und nicht mit Zwang und Gewalt. Eine einfühlsame Krisenintervention macht - davon bin ich überzeugt - für die Mehrzahl der Betroffenen Klinikaufenthalte unnötig. In den skandinavischen Ländern funktioniert das weitgehend so. Wenn  wir uns bewusst machen, welche sozialen Funktionen die Arbeit hat (Integration, Selbstwertgefühl, Kontakt und soziale Anerkennung), wird klar, dass es sich lohnt, wo irgend möglich, den Betroffenen nicht erst aus seiner Arbeit und seinen sozialen Bezügen auszugliedern.

Wir sind nicht der Ansicht, dass ein Mensch ohne Arbeit automatisch weniger wert ist. Arbeit ist eine Chance zur Selbstverwirklichung und dient der Sicherung des Lebensunterhalts, sie ist kein Wert an sich. Es gibt nicht wenige Menschen, die ein eher zwanghaftes Verhältnis zu ihrer (Erwerbs-)Arbeit haben, die sehr pflichtbewusst sind, aber nicht ihr Leben leben, und daran immer wieder krank (oft deprimiert) werden. Glücklich sind nach unserem Eindruck vor allem Menschen, die in hohem Maße selbstbestimmt arbeiten. Ein erfülltes Leben kann man auch als Rentner ohne ein professionell organisiertes Arbeits- oder Beschäftigungsangebot führen. Mein Freund Thomas etwa lebt in einem Heim für psychisch Kranke und gestaltet sein Leben abseits der institutionellen Angebote kreativ: Er malt, tritt immer wieder mit seiner Gitarre öffentlich auf und schreibt gerade an einem Buch. Wir freuen uns am meisten über individuelle Lösungen, die zum jeweiligen Menschen optimal passen. Und hier können die SPZs viel tun, wenn sie die Probleme und Bedürfnisse ihrer Klienten kennen und angemessen darauf eingehen.

Fragt man Betroffene über ihre Erfahrungen mit den SPZs, so kommt bei vielen die Erinnerung an eine Zwangseinweisung, an der der im SPZ ansässige Arzt des Sozialpsychiatrischen Dienstes mitgewirkt hat. Viele Betroffene - insbesondere die fitteren unter ihnen - meiden deshalb das SPZ, soweit sie das können. Die meisten SPZs heute sind ein Ghetto für chronisch psychisch Kranke und für ehemalige Kranke, die durch ihre Krankheit ihre Arbeit und ihre soziale Stellung verloren haben - ohne nennenswerte Kontakte zu den Bewohnern der Umgebung.

Wer erfolgreich mit uns arbeiten will, sollte als erstes an unsere Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten glauben. Damit er das kann, muss er positive Beispiele für die Entwicklung von Menschen mit seelischen Störungen kennen und verbreiten. Ob die innerhalb institutioneller Konzepte oder gerade im Widerspruch dazu stehen, darf dabei keine Rolle spielen.

Die Institutionen werden ihre Ziele nach beruflicher Integration vermutlich eher erreichen, wenn sie die selbstgestrickten Lösungen der Selbsthilfe stärker unterstützen, anstatt ihre Institutionen weiter auszubauen.

Wer uns nichts zutraut, wird nur die in unseren Kreisen häufig anzutreffende Resignation vertiefen. Ebenso wichtig - und leider nicht selbstverständlich - ist eine positive Einstellung der Mitarbeiter zur Eigeninitiative der Klienten. Viel zu häufig machen kreative Klienten in manchen SPZs die Erfahrung, dass ihre Ideen eher das ruhige Leben der Mitarbeiter stören. Ich wünsche mir offene SPZs mit einem einladenden Cafe für die Menschen der Umgebung, das von den Betroffenen in Eigenregie betrieben wird, mit einer Arbeitsvermittlung vom Hausputz über Maler- und Tapezierarbeiten bis zu Reparaturen an technischen Geräten. Die Pinel-Gesellschaft in Berlin zeigt, dass so etwas geht. Entscheidend für die psychische Gesundheit ist es, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln und zunehmend Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Unerlässlich für eine bessere Qualität der SPZs und WfbMs ist aus meiner Sicht eine gesunde Konkurrenz. Die regionale Zuständigkeit sollte entfallen, jeder Betroffene sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, welches SPZ und welche Betreuer(innen) ihm zusagen. Und wir brauchen mehr ehemalige Betroffene in den SPZs, WfbMs, Wohnheimen, Kliniken und Ämtern - auch in den Krisenteams und im LVR - als hauptamtliche Mitarbeiter, da sie mit einem ganz anderen Blickwinkel ihre Klienten betrachten und von den Betroffenen besser als Ratgeber akzeptiert werden.